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Mauthausen - Zeitzeugenbericht von Kurt Motlik

Bild von Kurt MotlikMauthausen

Während meiner Ausbildung als Panzerpionier in Wien-Klosterneuburg erlitt ich bei einer Brückenbauübung einen Bauchnetzriss und musste operiert werden. Dadurch war ich einige Monate für die Front untauglich, aber „arbeitsverwendungsfähig“ (AV) bei einer Landespioniereinheit in Wien. Diese AV-Truppen wurden nur in der Heimat eingesetzt und zwar überwiegend dort, wo es um den Schutz von kriegswichtigen Einrichtungen ging.

Nachdem unsere Einheit im Oktober 1944 die Donaubrücke der Nordwestbahn in Wien mit ihren Sperranlagen für Wassermienen betreut hatte, wurden wir im November 1944 für zwei Wochen nach Mauthausen verlegt. Dort befand sich ebenfalls eine wichtige Eisenbahnbrücke über die Donau, die das nördliche Oberösterreich mit der Westbahn bei St. Valentin verband. An beiden Enden der Brücke, also am rechten und linken Donauufer, waren bunkerartige Brückenköpfe aufgebaut, die von Landespionieren streng bewacht wurden. Auch die mehrere hundert Meter lange Brücke wurde regelmäßig von Soldaten kontrolliert. Ein Teil dieses Einsatzkommandos hielt Wache, ein weiterer Teil hatte Bunkerbereitschaft und der Rest konnte mit gewissen Einschränkungen über seine Zeit frei verfügen. Im Bunker selbst befanden sich Schlafgelegenheiten für die Mannschaft in 3-Stock-Betten, ein primitiver Waschraum und eine geschlossene Feuerstelle, die sowohl zum Wärmen von Wasser, als auch zum Wärmen von Speisen verwendet werden konnte. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln und die ärztliche Betreuung erfolgten durch die SS-Einheit im KZ Mauthausen. Dadurch kamen wir mehrmals in die Lage, das KZ zu betreten. Unter KZ verstanden wir damals ein Anhalte- oder Arbeitslager für politische Häftlinge, wie wir es schon aus der Zeit von 1933-1938 im niederösterreichischen Wöllersdorf (siehe Nachsatz) kannten. Aus meiner Erinnerung weiß ich noch, dass das Lager auf einer Anhöhe lag und von Mauern umgeben war, deren Oberseite einen stromdurchflossenen Stacheldraht trug. Vor dem Betreten und vor dem Verlassen des KZ wurden wir am Lagertor von SS-Mänern einer strengen Leibesvisitation unterzogen. Das Lager selbst vermittelte uns den Eindruck, wie wir es von großen Kriegsgefangenenlagern kannten: auf der einen Seite stabile, aber niedere Mauerbauten, auf der anderen Seite unzählige Holzbaracken und dazwischen ein riesiger Appellplatz. Der Sanitätsbereich lag nahe dem Lagertor und auch die Übergabe der Nahrungsmittel erfolgte in dessen unmittelbarer Nähe, wodurch wir in das Lagerleben selbst keinen Einblick hatten. Wir konnten lediglich aus einer größeren Entfernung einen kurzen Blick in die Lagerbaracken werfen. Dabei nahmen wir eine Reihe von 3-Stock-Betten wahr, dachten uns aber nichts dabei, da unsere eigenen Schlafstellen ähnlich aussahen. In der Sanitätsstube, wie man den Untersuchungsraum nannte, war nur ein hoher SS-Sanitätsoffizier anwesend. Alle anderen Betreuer trugen zwar auch weiße Mäntel, doch darunter konnte man die gestreifte Sträflingskleidung sehen. Der Sanitätsoffizier stellte Diagnosen, bestimmte Therapien und reichte uns an die anderen Betreuer weiter. Unserem Gefühl und ihrem Verhalten nach, mussten diese Menschen früher im ärztlichen Bereich tätig gewesen sein, da sie uns dementsprechend gut versorgten.

Bei unseren allerdings sehr kurzen Aufenthalten im Lager hatten wir nie den Eindruck, dass innerhalb dieser Mauern so unfassbare Dinge geschahen.

Während unserer „Freizeit“ besuchten wir natürlich auch die Innenstadt von Mauthausen, bemerkten zwar manchmal einen seltsamen Geruch, wie wir ihn auch von anderen Städten mit Industrie, Kläranlagen u.ä. kannten, dachten dabei aber an nichts Außergewöhnliches.

Der Kontakt zur Zivilbevölkerung war sehr bescheiden und das Konzentrationslager war nie ein Gesprächsthema. Bei unseren Freigängen konnten wir aber manchmal beobachten, wie lange Kolonnen von Gefangenen über eine Nebenstraße zur oder von der Arbeitsstätte geführt wurden. Auf beiden Seiten der Kolonne gingen zur Bewachung in kürzeren Abständen Soldaten der SS-Bewachungsmannschaft mit schussbereiten Maschinenpistolen und an einer Leine führten sie große Hunde ohne Beißkorb mit sich. Der Anblick war zwar schauerlich, aber wir dachten noch immer nicht an irgendwelche Verbrechen.

So gingen zwei Wochen Aufenthalt in Mauthausen zu Ende. Wir wussten danach, dass es dort ein Gefangenenlager gab, wo über dem Eingangstor die Worte „Arbeit macht frei“ standen, welches wir auch von innen gesehen hatten, aber wirklich nicht ahnen konnten, was dort tatsächlich passierte – obwohl wir uns direkt an der Quelle befunden hatten. Deshalb bin ich mir sicher, dass auch die Zivilbevölkerung von den Vorfällen in diesem Vernichtungslager keine Kenntnis haben konnte.


Nachsatz zu Wöllersdorf:

Im Frühjahr 1933 wurden von der christlich-sozialen Partei Österreichs die Weichen für einen österreichischen Faschismus gestellt, wobei u.a. alle übrigen Parteien unf Organisationen verboten wurden. Außerdem schaffte man gleichzeitig eine politische Strafgerichtsbarkeit und führte die im Jahre 1920 ausgesetzte Todesstrafe wieder ein. Im September 1933 wurde der Beschluss gefasst, „Anhaltelager nach dem Vorbild des deutschen Nachbarn“ zu errichten, um dort männliche Gegner des diktatorischen Regimes festzuhalten. Bereits im Oktober 1933 wurde das Lager bezogen und erreichte im Oktober 1934 mit 5.302 Gefangenen seinen Höchststand. Es muss aber auch erwähnt werden, dass Wöllersdorf keinesfalls mit Hitlers KZ- und Vernichtungslager vergleichbar war. Noch vor dem Einmarsch der deutschen Truppen im März 1938 musste unter Druck von Hitler das Lager aufgelöst werden, da dort auch Nationalsozialisten untergebracht worden waren.

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