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Eine traurige Kindheit - Zeitzeugenbericht von Kurt Motlik

Bild von Kurt MotlikEine traurige Kindheit

Wir waren für die damalige Zeit, die Zwischenkriegszeit, eine verhältnismäßig kleine Familie. Sie bestand aus Mutter, Vater und zwei Buben. Einer davon war ich, geboren im Oktober 1926. Mein Bruder war auf den Tag genau um 10½ Jahre älter als ich. Wir wohnten in einer „Zinskaserne“. So nannte man die vierstöckigen Wohnhäuser in Wien, wo man relativ viel Miete für absolut keinen Komfort zahlen musste. Diese bestanden fast nur aus kleinen Zimmer-Küche-Wohnungen. In jedem Stockwerk hatte man für sechs Wohnparteien mit etwa 20 Bewohnern nur eine Wasserleitung am Gang, die im Winter regelmäßig einfror. Für ebenso viele Bewohner standen pro Stockwerk nur 3 Klosetts ohne Wasserspülung zur Verfügung. Dafür stand ebenfalls pro Stockwerk am Fußboden des Ganges ein gesetzlich vorgeschriebener Spucknapf. Im Kellergeschoß befand sich eine Waschküche, die pro Wohnung nur einmal pro Monat benützt werden durfte. In dieser Waschküche stand eine gemauerte Feuerstelle, in der sich ein offener Kessel zum Erwärmen des Waschwassers befand. Das Waschen der Wäsche erfolgte auf primitivste Weise in Waschtrögen aus Holz. Da es damals noch keine mechanischen Hilfsmittel gab, musste jeder Arbeitsgang mit den bloßen Händen durchgeführt werden. Deshalb war besondere Vorsicht geboten. Schon deshalb um nicht auf Ratten zu steigen und auszurutschen. Nach dem Waschen musste die noch tropfnasse Wäsche über sechs Stockwerke auf den Trockenboden geschleppt und dort zum Trocknen aufgehängt werden, denn einen Aufzug gab es nicht. Im Winter musste man die Wäsche oft steifgefroren abnehmen, da der Trockenboden ebenfalls nur einen Tag pro Monat zur Verfügung stand.

Alle Vorgänge im Haus (so auch diese) wurden von einem Hausmeister streng überwacht, der auch monatlich die Miete für den Hausbesitzer kassierte. Konnte jemand die Miete nicht bezahlen, musste er die Wohnung räumen. Besonders bei Familien mit vielen Kindern kam dies häufig vor. Wenn es gut ging, wurden sie in Kellerräumen oder Armenhäusern untergebracht.

Wie schon erwähnt, bestanden diese Wohnungen überwiegend aus einer Küche und einem Zimmer mit einer Gesamtfläche von etwa 35 qm. In unserem Fall mussten vier Personen in so einer Wohnung hausen, denn von wohnen konnte keine Rede sein. In dem etwa 25 qm großen Zimmer standen die beiden Ehebetten mit Strohsäcken, zwei weitere Schlafgelegenheiten für die Kinder, eine Kommode (Truhe mit Laden), ein Kohlenofen und zwei schmale Schränke für Bekleidung und Wäsche. Dies reichte auch, denn jeder von uns hatte nur „ein Gewand für alle Tage“ und „ein Sonntagsgewand“, das man auch zu Feiertagen anzog. Außerdem war in diesem Zimmer noch die Schneiderwerkstätte meines Vaters untergebracht, da er sein Gewerbe, wie andere auch, in der Wohnung ausüben musste. Für einen Tisch mit Sesseln oder gar eine Spielecke war natürlich kein Platz. Sitzen konnte man nur in der etwa 10 qm großen Küche. Dort stand zwar ein Tisch, aber für Sessel war ebenfalls kein Platz. Man saß entweder auf einem Stockerl, auf der Wäschetruhe oder auf der Kohlenkiste, in welcher der Wochenbedarf an Heizmaterial untergebracht war. Auf dieser Kohlenkiste stand auch eine Waschschüssel aus Blech, die zur Körperreinigung verwendet wurde. Oft hatten diese Küchen nur ein Fenster zum Gang und waren daher auch tagsüber sehr dunkel. Vor hohen Feiertagen ging meine Mutter mit mir manchmal in ein „Tröpferlbad“. Das waren öffentliche Badeanstalten, wo man gegen ein geringes Entgelt für kurze Zeit eine offene Brausekabine benutzen durfte.

Jede Wohnung war mit primitiven Gasgeräten ausgestattet. Es gab auch schon elektrischen Strom, wobei die Leitungsdrähte lose an den Wänden befestigt waren. Jeden zweiten Monat kam der „Gaskassier“, las in den Wohnungen den Gas- und Stromverbrauch ab und verrechnete den gesamten Energieverbrauch. Konnte jemand nicht bezahlen, wurde sofort die Energiezufuhr gesperrt. Da es zu dieser Zeit noch keine elektrischen Haushaltsgeräte gab, wurde der elektrische Strom nur zur Beleuchtung verwendet, wenn man es sich leisten konnte. Vielfach verwendete man aber für die Beleuchtung Kerzen, die stanken oder Petroleumlampen, die noch unangenehmer waren. Wir verwendeten in der Küche jedenfalls eine Petroleumlampe. Zu Weihnachten hatten wir einen Christbaum. Er war aber nur sehr klein und stand während der Feiertage auf der Schneidertafel meines Vaters. Danach musste der Christbaum auf einen der beiden Schränke gestellt werden, damit mein Vater wieder arbeiten konnte. Die wenigen Geschenke bestanden hauptsächlich aus praktischen Dingen, wie Strümpfe, Handschuhe, Wollmützen und ähnlichem. Trotzdem hatten wir damit eine große Freude, weil wir endlich die alten gestopften Sachen nicht mehr tragen mussten. Manchmal bekam ich auch ein kleines, mechanisches Spielzeug, das aber mein „großer Bruder“ regelmäßig ruinierte. Besonders freuten wir uns aber auf das Festtagsessen. Da gab es entweder panierten Fisch mit Salat oder eine Weihnachtsgans mit Rotkraut und Kartoffelknödel.

Als „Ohr zur weiten Welt“ besaßen wir ein Detektorradio. Dies war ein Funkwellenempfänger, mit welchem man mit etwas Glück über Kopfhörer den einzigen Sender, nämlich „Radio Wien“ empfangen konnte. Eine Tageszeitung leisteten wir uns nur am Sonntag. Man bekam sie in der Trafik, wo man damals Zigaretten noch stückweise kaufen konnte. Was gab es zu dieser Zeit bei uns zu essen? Wir Kinder bekamen zum Frühstück und zur Jause ein Stück Brot mit selbst gemachter Marmelade und ein Heferl offen ausgeschenkte Milch, die man in einer kleinen Kanne bei der Milchfrau holen musste. Flaschenmilch gab es auch, aber die war viel teurer. Die Erwachsenen tranken Tee oder Malzkaffee, da man sich Bohnenkaffee, zu 5 dag (Dekagramm = 10g) abgepackt, nur zu besonderen Anlässen leisten konnte.

Mittags hatten wir regelmäßig irgendeine dicke Suppe und Gemüse mit verschiedenartig zubereiteten Kartoffeln. Manchmal gab es auch eine warme Mehlspeise. Fleisch oder Geflügel gab es nur an Sonn- und Feiertagen, aber auch nur in geringen Mengen. Wir Kinder waren darauf gedrillt, alles aufzuessen, was auf den Tisch kam, ob wir wollten oder nicht. Am Abend gab es abwechselnd ein Margarinebrot mit Marmelade oder ein Schmalzbrot, denn Brot gab es bei uns immer reichlich. Es verging kaum ein Tag, an dem nicht ein Bettler an unserer Wohnungstür klopfte und um ein Stück Brot bat. Er bekam es auch.

Nach jetzigen Maßstäben waren wir arm. Es war jedoch damals kein Einzel- sondern ein Massenschicksal. In meinem Fall war dennoch vieles anders. Obwohl mein Vater als selbstständiger Schneidermeister arbeitete, waren die Einkünfte sehr gering. Er war zufolge einer schweren Verwundung aus dem 1. Weltkrieg 70% körperbehindert und daher nur bedingt arbeitsfähig. Außerdem gab es in diesen Notzeiten nur wenige Menschen, die sich eine Maßkleidung leisten konnten. Daher bestand seine Haupttätigkeit in der Durchführung von Reparaturen. Überdies musste mein Vater zur Behandlung seines chronischen Kriegsleidens jedes Jahr auf einige Wochen in ein Krankenhaus. Während dieser Zeit bekam meine Mutter vom Staat eine Unterstützung, die nach heutigem Geld pro Tag nur vier Euro betragen würde. Zum Vergleich sei erwähnt, dass damals ein guter monatlicher Durchschnittsverdienst umgerechnet etwa € 800,- betrug. Eine Verbesserung der finanziellen Situation unserer Familie ergab sich ab dem Zeitpunkt, als mein Bruder nach Abschluss der Hauptschule das Glück hatte, eine – wenn auch sehr schlecht bezahlte – Arbeitsstelle zu bekommen. Insgesamt erschwert war unser Leben jedoch dadurch, dass meine Mutter immer Probleme mit den Atemorganen hatte. Dadurch war sie immer kränklich und nicht voll einsatzfähig. Eine nachhaltige Behandlung war damals aus finanziellen Gründen nicht möglich, da es zu dieser Zeit noch keine sozialen Netze gab, die Menschen in Bedrängnis aufgefangen hätten. Eine Kur oder ein Erholungsaufenthalt waren Träume, die nie in Erfüllung gingen. Wir mussten uns damit begnügen, an Wochenenden zu Fuß kurze Ausflüge zu unternehmen, da die Straßenbahn für eine vierköpfige Familie pro Fahrtrichtung den Gegenwert eines Stundenlohnes gekostet hätte. Essen und Wasser zum Trinken wurde natürlich von zu Hause mitgenommen. Den Besuch einer Kindervorstellung im Kino oder des Wurstelpraters gab es nur selten und da auch nur als Geschenk oder Belohnung.

Während der Woche verbrachten wir Kinder unsere Freizeit vor dem Wohnhaus am Gehsteig oder auf der Straße. Da der Straßenverkehr hauptsächlich aus Pferdefuhrwerken bestand, konnten wir uns beim Ballspiel immer rechtzeitig in Sicherheit bringen. Viele Straßen waren damals noch nicht asphaltiert und die Beleuchtung bestand vielfach aus Gaslaternen. Die meisten Lebensmittel musste man täglich einkaufen, da die Haushalte noch keine Kühlschränke hatten. Man besorgte sie beim „Greißler“ (Gemischtwarenhändler), der so ziemlich alles führte, was im Alltag benötigt wurde. Einen Teil seiner Waren, wie z.B. Obst und Gemüse, hatte er am Gehsteig vor dem Laden ausgestellt. Greißler, Fleischhauer, Gaststätten und ähnliches hatten auch keine Kühlschränke, sondern Eiskästen zum Frischhalten empfindlicher Waren. Die Eiskästen waren große, gut isolierte Schränke, die mehrmals wöchentlich mit Eisblöcken gefüllt wurden. Diese wurden mit speziell ausgerüsteten Eiswagen von den Eisfabriken geliefert. Es gab auch Wanderhändler mit Bauchläden, die von Tür zu Tür gingen und auf diese Art ihre Kleinwaren oder Dienstleistungen anboten. Selbstbedienungsläden und Supermärkte kamen erst nach dem 2. Weltkrieg.

Als ich 6 Jahre alt wurde, änderte sich für die ganze Familie der gewohnte Lebensrhythmus, denn ich musste zur Schule gehen. Anfangs wehrte ich mich dagegen, da ich nicht auf meinen Schnuller verzichten wollte. Das gab sich aber rasch und ich war bald ein sehr guter Schüler.

Wie alles in dieser Zeit, war auch der Schulbetrieb sehr trübselig. Schon die Schulgebäude allein vermittelten den Eindruck einer Kaserne. Innen sah es genau so aus. Die Gänge und Klassenzimmer waren kahl und düster. Die Heizung bestand aus einem Kohlenofen, der während des Unterrichts nachgefeuert werden musste und zur Beleuchtung verwendete man teilweise noch Gaslampen. Die Fußböden wurden mit einem Öl eingelassenen, dem ein Desinfektionsmittel beigemischt war, wodurch es im ganzen Schulgebäude fürchterlich stank. Die Lehrer – Lehrerinnen gab es kaum – waren absolute Respektpersonen. Immer ernst und unnahbar, mit steifem Hemdkragen und dunkler Krawatte. Bei jeder Begegnung mussten sie von den Schülern durch Kopfnicken gegrüßt werden. Es herrschte strengste Disziplin. Drohte sie einmal zu entgleiten, waren Stockhiebe ein geeignetes Mittel sie wieder herzustellen. Eine ebenso dominante Rolle spielte damals die römisch-katholische-Kirche. Die Teilnahme am Religionsunterricht war Pflicht. Ebenso der sonntägige Besuch einer Kindermesse. Vor und nach jedem Unterricht musste der Lehrer mit den Kindern deutlich hörbar beten. Den Inhalt des Kirchenjahres laut Religionsbuch musste man auswendig lernen. Dies und die anderen Hausaufgaben machte ich beim Küchentisch. Doch das Rattern der Nähmaschine meines Vaters hatte mir oft Probleme bereitet.

An ein Ereignis während meiner Volksschulzeit erinnere ich mich noch sehr genau. Am 12. Februar 1934 brachen in Wien Unruhen aus, die auch zu Straßenkämpfen führten, wodurch kein Schulbetrieb möglich war. Als mein Vater annahm, dass sich die Situation bereits beruhigt hätte, wollte er mit mir eine befreundete Familie besuchen. Unterwegs gerieten wir jedoch in eine Schießerei, die für uns aber ohne Folgen blieb.

Die Platzverhältnisse in unserer Wohnung änderten sich ab dem Zeitpunkt, als mein Bruder im Oktober 1937 zum Bundesheer einrücken musste. Dadurch konnten wir auf eine Schlafgelegenheit verzichten und dafür einen Tisch und zwei Sessel aufstellen.

Durch den Einmarsch der deutschen Truppen im März 1938 hat sich für uns Kinder vieles verändert. Auf den Straßen Wiens sah man viele deutsche Soldaten und gepanzerte Fahrzeuge und über der Stadt kreisten deutsche Kampfflugzeuge. Alle Gebäude mussten mit deutschen Symbolen und Fahnen geschmückt werden. Wir Kinder wussten natürlich nicht, was das alles bedeutete. Doch bald sollten wir es deutlich zu spüren bekommen. Lehrer, die mit dieser Entwicklung nicht einverstanden waren, wurden durch andere ersetzt, viele Schulbücher wurden ausgetauscht, weil wir jetzt „Deutsche“ und keine „Österreicher“ mehr waren und gute Schulfreunde, deren Eltern Juden waren, verschwanden plötzlich. Doch ein weiterer, noch viel härterer, persönlicher Schicksalsschlag sollte bald folgen.

Noch im März 1938 wurde von der deutschen „Besatzungsmacht“ eine Aktion gestartet, durch die unterernährte österreichische, nun ostmärkische Kinder, für 6 Wochen zu wohlhabenden Pflegeeltern nach Deutschland gebracht wurden. Ein Eisenbahnzug sollte uns vom Westbahnhof aus dorthin bringen. Schweren Herzens brachte mich meine Mutter zur vereinbarten Zeit zum Zug, doch wir mussten stundenlang auf die Abfahrt warten. Es war ein sehr nasskalter Tag. Meine Mutter, die ohnehin gesundheitsgefährdet war, verkühlte sich dabei derart, dass sie an einer Lungenentzündung erkrankte, von der sie sich nicht mehr erholte. Trotz ärztlicher Betreuung und einem Aufenthalt im AKH in einem 25-Betten-Saal starb sie am 24. Juli 1938. Ich kann mich noch genau daran erinnern, als ich sie zum letzten Mal friedlich und mit geröteten Wangen im geöffneten Sarg liegen sah.

Auf diese tragische Weise hatten sich zwar unsere Wohnverhältnisse weiter verbessert, doch mein Vater und ich fielen plötzlich in ein tiefes Loch. Obwohl wir durch den Spitalsaufenthalt meiner Mutter in der provisorischen Führung eines Haushalts schon ein wenig Erfahrung hatten, war für mich alles sehr grausam.

Mein Vater, ein gebürtiger Tscheche, war zwar seit dem Jahre 1904 in Wien beschäftigt und sprach verhältnismäßig gut Deutsch, beherrschte aber die deutsche Schriftsprache kaum. Deshalb hatte sich immer meine Mutter um den gesamten Schriftverkehr und die Steuerangelegenheiten meines Vaters gekümmert. Ab dem Tod meiner Mutter – ich war damals 11 Jahre alt – musste ich nicht nur die administrativen Dinge erledigen, sondern auch alles besorgen, was man für das tägliche Leben benötigte. Außerdem waren im Haushalt immer wieder handwerkliche Tätigkeiten zu verrichten, die mein Vater zufolge seiner schweren Kriegsverletzung alleine nicht schaffen konnte. Wir hatten in Österreich keine Verwandten, die uns behilflich sein konnten, außer einer schwerkranken Großmutter mütterlicherseits, zu der kaum Kontakt bestand und die überdies, vermutlich aus Gram über den frühen Tod ihrer Tochter, also meiner Mutter, im März 1939 verstarb.

Offenbar durch meine vielschichtige Überbelastung ließen meine Lernerfolge in der Schule vorübergehend nach, normalisierten sich aber bald wieder.

Im Umgang mit hauswirtschaftlichen Dingen standen mir Hausbewohner, die mich schon als Baby kannten, immer hilfreich zur Seite. Auf diese Weise lernte ich auch kochen, um nach der Schule nicht immer von einem Gasthaus abhängig zu sein. Freundschaften zu pflegen war aus zeitlichen Gründen nicht mehr möglich.

Noch ehe wir uns, mein Vater und ich, an die vollkommen veränderten Verhältnisse gewöhnen konnten, kam die nächste Katastrophe. Am 1. September 1939 brach der 2. Weltkrieg aus. Hatten wir bei unserer bisherigen Lebensgestaltung schon einige Probleme, war von nun an alles noch viel schlimmer. Alle Waren wurden rationiert. Lebensmittel bekam man nur mehr in geringen Mengen auf Lebensmittelkarten und die meisten Dinge, die man gebraucht hätte oder gerne haben wollte, gab es überhaupt nicht mehr. Alle jüngeren, wehrfähigen Männer mussten zum Militär und ihre Frauen wurden verpflichtet, deren Arbeit zu übernehmen. Das galt natürlich auch für Lehrer. Kaum hatten wir uns an die neuen Lehrer gewöhnt, wurden sie gegen alte oder kranke, die sich zum Teil schon im Ruhestand befunden hatten, ausgetauscht. Mein Vater musste nicht einrücken, da er ohnehin unter seiner schweren Kriegsverletzung zu leiden hatte. Ihm wurde aber befohlen, in unserem Wohnhaus die Funktion des Luftschutzwart zu übernehmen. Dieser war unter Androhung empfindlicher Strafen dafür verantwortlich, dass bei Einbruch der Dämmerung im ganzen Haus nach außen alle Lichtquellen abgedunkelt wurden, um feindlichen Flugzeugen die Orientierung zu erschweren. Außerdem musste er dafür sorgen, dass in jedem Stockwerk jederzeit ein Kübel mit Wasser, eine Feuerpatsche und ein Sack mit Löschsand zur Verfügung standen. Alle Hausbewohner mussten Luftschutzkurse besuchen um zu lernen, wie man bei Luftangriffen durch Bomben verursachte Brände bekämpfen soll.

Ab Herbst 1941 besuchte ich in Wien eine Ingenieurschule. Mit Genehmigung der Direktion durfte ich bis 18.00 Uhr das Klassenzimmer benützen, da unsere Wohnverhältnisse das Lernen und Zeichnen zu Hause unmöglich machten. Die einzige warme Mahlzeit erhielt ich erst am Abend. Zwischendurch musste ich mehrmals an Wehrertüchtigungslagern der Hitler-Jugend teilnehmen, da sonst der Besuch einer höheren Schule gefährdet gewesen wäre. Später kam noch die Angst hinzu, bei Bombenangriffen alles zu verlieren. Vielleicht sogar das Leben.

Anfang Februar 1944 musste ich, kaum 17 Jahre alt, wie viele andere auch, einrücken. Fast alle von uns waren noch halbe Kinder und kamen als solche wenige Monate später an die Ostfront. Nur wenige hatten überlebt und kamen, körperlich und seelisch schwer geschädigt, wieder in die Heimat zurück – auf abenteuerliche Weise auch ich. Trotzdem sind wir halbe Kinder geblieben, denn man hatte uns die Jugend geraubt. Auch die Vergangenheit hatte uns wieder eingeholt. Wir hatten erneut kaum etwas zu essen und kaum etwas anzuziehen. Wir hausten noch immer in der alten, primitiven Wohnung – wie früher. Doch diesmal war sie durch Bomben beschädigt und ich wurde durch das Schicksal gezwungen, viel zu früh erwachsen zu werden.

Nachsatz:
Rückblickend betrachtet hatte sich meine Mutter durch ihren frühen Tod viel Kummer erspart: den Ausbruch des 2. Weltkriegs, den dadurch entstandenen Versorgungsnotstand, die Bombenangriffe, sowie die Sorge um ihre beiden Söhne, die an der Front waren, verwundet wurden und beschädigt wieder heimkehrten.

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