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Die 2. Generation - Zeitzeugenbericht von Kurt Motlik

Die 2. Generation

Unter 2. Generation versteht man Kinder von Eltern, deren Heimatland nicht Österreich ist, aber die vielleicht schon die österreichische Staatsbürgerschaft besitzen. Das können Kinder von Gastarbeitern, Migranten oder auch Flüchtlinge sein.

Nach dem 1. Weltkrieg gab es aber noch andere Gruppen von Menschen, die durch den Zerfall der Monarchie plötzlich eine Minderheit waren. Die meisten stammten aus den Nachfolgeländern Tschechoslovakei und Ungarn. Diese Menschen konnten sich entscheiden entweder die Staatsbürgerschaft der nun wesentlich kleineren Republik Österreich oder die der entsprechend größeren Nachfolgestaaten anzunehmen. Da aber die meisten jener Menschen schon viele Jahre in der österreichisch-ungarischen Monarchie zugebracht hatten, nahmen sie die österreichische Staatsbürgerschaft an, weil sie hier bereits eine Existenz aufgebaut, eine Wohnung eingerichtet und eine Familie gegründet hatten.

In dieser Situation befanden sich auch meine Eltern. Beide Elternteile wurden im Jahre 1889 in der späteren Tschechoslovakei geboren. Meine Mutter stammte aus Brandeis an der Adler bei Königgrätz und kam mit ihrer Mutter im Jahre 1905 nach Wien, um hier den Beruf einer Modistin zu erlernen und auszuüben. Sie war ein uneheliches Kind mit ungeklärter Vaterschaft. Mein Vater wurde in Mecholup bei Pilsen geboren und kam im Jahre 1903 nach Wien, um bei seinem Onkel den Beruf eines Herrenschneiders zu erlernen und auszuüben. Als ältestes Kind einer sechsköpfigen, mittellosen Familie wurde er aus finanziellen Gründen genötigt, schon frühzeitig sein Elternhaus zu verlassen. Im Jahre 1914 heiratete er meine Mutter, musste bald darauf an die Ostfront, wurde dort im Jahre 1916 schwer verwundet und litt an einer dadurch entstandenen Körperbehinderung bis zu seinem Tod im Jahre 1967. Im Jahre 1925 legte er in Wien die Meisterprüfung als Herrenschneider ab, machte sich selbstständig und errichtete seine Werkstätte in der Zimmer-Küche-Wohnung einer „Zinskaserne“, in der kurze Zeit später eine vierköpfige Familie ihr Leben fristen musste.

Im Jahre 1916 kam mein Bruder als erster Spross der 2. Generation in Wien zur Welt. Ich folgte ihm im Jahre 1926 als zweiter Spross.

Nach dem 1. Weltkrieg entschlossen sich meine Eltern, wie viele andere Menschen in der gleichen Situation auch, die österreichische Staatsbürgerschaft anzunehmen.

Die größte Minderheitgruppe in Wien bildeten damals die Tschechen. Sie bestand hauptsächlich aus Handwerkern wie Schneider, Schuster, Tischler u.ä.. Das besonders ausgeprägte Nationalbewusstsein der Tschechen führte in Österreich aber dazu, straff organisierte, eigene Gesellschaftsformen zu schaffen. Sie gründeten eigene Schulen, eigene Sportvereine, eigene Stätten der Begegnung und eigene Sozialeinrichtungen, die gegenseitige Hilfe garantierten. Die Umgangssprache in diesen Kreisen war natürlich tschechisch. Verweigerte einer der hier ansässigen Tschechen den Beitritt zu einer dieser Organisationen, wurde er nicht nur in keinster Weise unterstützt, sondern sogar gedemütigt. Meine Eltern waren so ein Fall, denn sie wollten ganz einfach „nur“ Österreicher sein. Wir Kinder besuchten österreichische Schulen, traten keiner Organisation bei und sprachen zu Hause deutsch. Lediglich wenn wir Kinder etwas nicht verstehen sollten, sprachen unsere Eltern tschechisch miteinander. Offenbar drang das Verhalten meiner Eltern bis zu den Behörden in der Tschechoslovakei, denn bei jedem Besuch in der Heimat wurden sie sowohl bei der Ein-, als auch bei der Ausreise von den tschechischen Grenzorganen schwer schickaniert. Dies führte schließlich dazu, dass meine Eltern mit ihren Verwandten und Bekannten nur mehr brieflich verkehrten und somit jeder persönlicher Kontakt abbrach. Dadurch war es uns Kindern auch nicht möglich, unsere Großeltern, Tanten und Onkeln persönlich kennen zu lernen. Die eigentliche Tragik bestand darin, dass wir hier von den Tschechen als Österreicher und von den ansässigen Österreichern als Tschechen behandelt wurden. So gesehen waren wir praktisch heimatlos. Dies äußerte sich auch dadurch, dass man uns fallweise beschimpfte oder zumindest abfällig behandelte.

Die wirtschaftliche Lage in der Zwischenkriegszeit war in Österreich katastrophal. Sehr viele Menschen bekamen keine Arbeit und dementsprechend groß war auch die Not, da es zu dieser Zeit noch keine sozialen Auffangnetze gab. Die hier angesiedelten Tschechen waren hochqualifizierte Handwerker, scheuten keine Arbeit und konnten dadurch ein, wenn auch bescheidenes, Leben führen. Bei meinem Vater kam allerdings hinzu, dass er durch seine schwere Kriegsverletzung zu 70% körperbehindert war und alljährlich für einige Wochen zur Behandlung in ein Krankenhaus musste. Dieses Defizit versuchte er durch besonderen Fleiß auszugleichen und arbeitete auch an Sonn- und Feiertagen, wodurch in Verkennung der Lage bei anderen Menschen Neidkomplexe entstanden. Auch wir Kinder der 2. Generation hatten unter Beschimpfungen und abfälligen Äußerungen zu leiden, waren aber schon daran gewöhnt, weil es bereits zu unserem Alltag gehörte.

Nach der Besetzung Österreichs durch deutsche Truppen im März 1938 gab es wieder genug Arbeit, daher auch keine Not und alle ehemaligen Österreicher, unabhängig von ihrer Abstammung, rückten als Folge der neuen, politischen Entwicklung näher zusammen. Eine Ausnahme bildeten Menschen der jüdischen Glaubensgemeinschaft und Zigeuner. Sie wurden von den Nationalsozialisten als minderwertig bezeichnet und ebenso behandelt.

Während des 2. Weltkriegs gab es im ehemaligen Österreich auch keine Herkunftsprobleme. Die meisten wehrfähigen Männer mussten zum Militär und kamen an die Front, währenddem alle übrigen Bürger vom Staat zu bestimmten, kriegswichtigen Diensten verpflichtet wurden.

Nach dem 2. Weltkrieg war durch die großen Zerstörungen das Arbeitsaufkommen so groß, dass man genötigt war, Gastarbeiter aus anderen Ländern nach Österreich einzuladen. Darunter waren natürlich auch Schmarotzer. Die meisten Gastarbeiter aber waren fleißig und hatten auch wesentlich zu dem Wohlstand beigetragen, den die Österreicher im Laufe der Zeit erwirtschafteten. Bei guter Führung und der Erfüllung bestimmter Voraussetzungen erhielten sie die österreichische Staatsbürgerschaft, gründeten in ihrer Wahlheimat Familien oder ließen vorerst daheimgebliebene Angehörige nachkommen. So entstand wieder eine 2. und teilweise schon 3. Generation.

Als der Mangel an Arbeitskräften nachließ und die Zahl der Arbeitslosen wieder stieg, trat die gleiche Situation ein, als bereits in der Zwischenkriegszeit. Jeder, dessen Muttersprache nicht deutsch war, wurde vielfach als „lästiger Ausländer“ beschimpft und behandelt, sogar auch dann, wenn die Integration bereits stattgefunden hatte. Dabei wurde vielfach vergessen, dass gerade diese Menschen überwiegend Arbeiten leisteten, zu welchen sich ansässige Österreicher niemals herablassen würden. Aber selbst bereits angepassten Zuwanderern wurde es oft schwer gemacht, in unserer Gesellschaft Aufnahme zu finden, weil sie mit den wenigen Integrationsunwilligen als „Ausländer“ in einen Topf geworfen wurden. Sicher ist aber auch, dass diese kleine Minderheit an Zuwanderern durch ihr provokantes Verhalten einen gewissen Unmut der ansässigen Österreicher herausforderte. Damit erschwerte sie aber auch der 2. und 3. Generation den Zugang zur Gesellschaft ihrer Wahlheimat. Trotzdem hätte es den kritischen Österreichern gut getan, einmal die Geschichte ihrer Vorfahren zu studieren, denn sie hätten dann festgestellt, dass eine Vielzahl von ihnen einmal in der gleichen Lage war. Vielleicht hätten sie sich dann den „Ausländern“ gegenüber menschlicher verhalten.

Ich habe mich in den vergangenen Jahren eingehend mit der österreichischen Geschichte ab dem Jahre 1926, meinem Geburtsjahr, befasst. Durch diese Tatsache ergab sich für mich die Gelegenheit, in einer Haupt- und in zwei Volksschulen in Wien eingeladen zu werden, um den Schülern Vorträge über meine Kinder- und Jugendzeit zu halten. Diese Vorträge waren dem Alter der Kinder entsprechend angepasst und wurden durch projizierte Bilder ergänzt. Dabei hatte ich Gelegenheit mit Kindern der 2. und 3. Generation in Kontakt zu kommen, deren Eltern oder Großeltern nicht aus Österreich stammten. Diese Kinder sprachen und verstanden gut deutsch und begriffen auch, was ich ihnen erzählte.

Nun ein Auszug aus den simplen, aber letztlich doch vernünftigen Fragen, die mir gestellt wurden: „Hast du den Hitler gesehen?“ oder „Warst du auch im KZ?“ oder „Haben Hunde im Krieg auch Lebensmittelkarten bekommen?“. Überrascht war ich aber auch von der Aussage einer Mutter, die mir berichtete, dass sich ihr Sohn nicht vorstellen konnte, wie eine Stadt aussieht, wenn im Krieg bei Einbruch der Dämmerung alle von außen sichtbaren Lichtquellen abgedunkelt werden mussten. Ein für mich besonders beeindruckendes Erlebnis hatte ich beim Besuch eines Fußballplatzes. Dort kam ein etwa 10-jähriger Junge auf mich zu, der dem Aussehen nach türkischer Abstammung gewesen sein könnte. Er sagte zu mir: „Ich kenne Sie von der Schule. Sie waren in meiner Klasse und haben uns eine Geschichte erzählt. Es war eine sehr schöne Geschichte!“. Ich konnte mich natürlich an diesen Einzelfall nicht erinnern, da ich sehr viele Vorträge gehalten hatte. Aber es konnte sich nur um einen jener Vorträge gehandelt haben, in welchem ich versucht hatte, den Kindern meine Erlebnisse während des Krieges näher zu bringen.

Bei diesen Vorträgen konnte ich oft feststellen, dass gerade Kinder von Zuwanderern an der österreichsichen Zeitgeschichte besonders interessiert sind – ein positiver Ansatz, im späteren Leben ein „guter Österreicher“ zu werden.

Auch die 2. Generation der Zwischenkriegszeit brachte eine große Zahl von Menschen hervor, die für die Republik Österreich große Leistungen nachweisen konnten. Einige von ihnen wurden vom Bundespräsidenten sogar besonders ausgezeichnet: Mit einem Orden und einer Urkunde für „Verdienste um die Republik Österreich“.

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