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Ivan, der Schreckliche - Zeitzeugenbericht von Kurt Motlik

Bild von Kurt MotlikIvan, der Schreckliche

Nach einem mehrmonatigen Militäreinsatz an der Ostfront in Schlesien, kaum 18 Jahre alt, wurde unsere Einheit am 5. April 1945 nach Wien verlegt, um beim Zentralfriedhof in Stellung zu gehen. Am Weg dorthin gelang es mir auf eine sehr gefahrvolle und abenteuerliche Art, mein bereits schwer bombenbeschädigtes Elternhaus im 5. Bezirk zu erreichen. Nach 3 qualvollen Tagen, praktisch ohne Nahrung und ohne Trinkwasser, vor SS-Männern unter Kellergerümpel versteckt, eroberten am 8. April 1945 sowjetische Truppen nach heftigen Straßenkämpfen unser Wohngebiet. Für mich, als deutscher Soldat, war der Krieg beendet, aber mein Leben noch immer nicht gesichert, wie sich später noch herausstellen sollte.

Ich hatte große Angst von sowjetischen Soldaten verschleppt zu werden, da dies immer wieder vorkam. Deshalb verkroch ich mich tagsüber auf dem Flachdach unseres Wohnhauses und hoffte, dort nicht entdeckt zu werden. Unterdessen konnte ich auch zu meiner nunmehrigen, in der Nähe wohnenden, Gattin Edith Kontakt aufzunehmen.

Anlässlich der Feiern zum 1. Mai hatte das jetzige Apollo-Kino im 6. Bezirk als erstes Kino nach Kriegsende mit Hilfe eines sowjetischen Notstromaggregats provisorisch den Betrieb wieder aufgenommen. Um etwas Abwechslung in den sehr trostlosen Alltag zu bringen, entschlossen wir uns, dieses Kino zu besuchen, ohne den Inhalt des Films zu kennen. Er betitelte sich „Iwan, der Schreckliche“. Es war ein schöner, sonniger Tag, dieser 3. Mai 1945. Doch abgesehen von dem Schwachsinn, dass das Kino allein schon eine Menschenfalle hätte sein können, schlichen wir uns am Weg dorthin durch Seitengassen, da wir unterdessen wussten, dass sowjetische Rollkommandos hauptsächlich auf Hauptstraßen, Plätzen oder Brücken alle arbeitsfähigen Männer einfangen und sie zur Demontage von Fabrikeinrichtungen verschleppen würden. Noch lange bevor wir unser Ziel erreicht hatten, tauchte plötzlich vor uns ein Zivilist auf, der eine Armschleife mit der Aufschrift „Hilfspolizei“ trug. Er verlangte einen Ausweis, nahm ihn an sich und befahl mir, mich sofort bei der sowjetischen Militärskommandatur des 5. Bezirks zu melden. Dieses Gebäude war ursprünglich ein mir bekanntes Arbeitsamt, wurde aber von der Roten Armee beschlagnahmt. Dort angelangt, standen vor dem Eingang mehrere schwerbewaffnete, sowjetische Soldaten, die jeden Menschen hinein, aber keinen mehr hinaus ließen. In der Eingangshalle stand bereits eine Unzahl von Männern jeden Alters, sowohl in Zivil als auch Eisenbahner, Straßenbahner und Postler in Uniform. Allmählich sickerte durch, dass alle dort anwesenden Gefangenen auf Militär-LKWs verladen und zu irgendeiner Fabrik gebracht werden sollten, um dort Maschinen zu demontieren.

Unterdessen war die Nacht hereingebrochen, aber die LKWs waren noch immer nicht da. Ein sowjetischer Offizier befahl uns daher, nach Hause zu gehen und am nächsten Morgen, um 6.00 Uhr früh, in Arbeitskleidung wieder zu erscheinen. Da mein Ausweis natürlich noch immer einbehalten war, wussten die Sowjets auch meine Wohnadresse. Uns war aber auch bekannt, dass man bei Befehlsverweigerung wegen Sabotage zu mehrjährigen Kerkerstrafen oder zum Tode verurteilt werden könnte. Ebenso war bekannt, dass viele Menschen von diesen Transporten nicht mehr zurückkamen und für immer verschollen blieben.

Zu dieser Zeit waren überall in der Stadt Plakate der Sowjets angebracht, wo gegen Verpflegung und Bezahlung Blutspender für die Rote Armee gesucht wurden. Außerdem gab es eine Bestätigung, wonach man eine Woche lang zu keinem Arbeitseinsatz herangezogen werden durfte. Da ich dem befohlenen Arbeitseinsatz entgehen wollte und außerdem großen Hunger hatte, entschloss ich mich widerwillig, an dieser Aktion teilzunehmen. Am frühen Morgen des 4. Mai 1945 schlich ich mich zur Blutabnahmestelle, die sich nahe der jetzigen Wiener Stadthallte befand. Nach der Blutabnahme bekamen wir wirklich eine reichliche Verpflegung, die Arbeitsbestätigung (liegt im Original vor) und 300 österreichische Schilling als Besatzungsgeld (liegt im Original vor), also einer Währung, die es zu dieser Zeit gar nicht gab und für mich daher wertlos war. Anschließend kehrte ich in unsere Wohnung zurück, verkroch mich wieder am Flachdach, weil ich noch immer Angst hatte, trotz Arbeitsbestätigung verschleppt zu werden.

Ich weiß zwar nicht, wie „Iwan, der Schreckliche“ im Film ausgesehen hatte. In Wirklichkeit habe ich ihn aber als grimmig und misstrauisch blickenden, schwer bewaffneten, sowjetischen Besatzungssoldaten persönlich erlebt, der seinem Aussehen nach zu allem hätte fähig sein können.

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