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Ein gefährlicher Irrtum - Zeitzeugenbericht von Kurt Motlik

Bild von Kurt MotlikEin gefährlicher Irrtum

Nach einem mehrmonatigen Kampfeinsatz an der Ostfront, an dem ich als kaum 18-jähriger Soldat teilnehmen musste, wurde unsere Einheit nach Wien verlegt, um beim Zentralfriedhof in Stellung zu gehen. Am Weg dorthin gelang es mir auf gefahrvolle Weise von unserem Militär-LKW abzuspringen, in der Absicht, nur kurz meinen schwer kriegsbeschädigten Vater zu besuchen, weil ich von ihm die ganze Zeit an der Front keine Nachricht erhielt. Schließlich erreichte ich mein unterdessen teilweise zerstörtes Elternhaus, fand aber nur versperrte Wohnungen vor. Alle Hausbewohner hatten sich nämlich schon in den Keller begeben, um das Ende der Schlacht um Wien abzuwarten. Vergeblich suchte ich meinen Vater – ich bin seit meiner frühesten Kindheit Halbweise – doch ich erfuhr, dass er die Osterfeiertage außerhalb Wiens verbringen wollte. Offenbar wurde er von der Kriegswalze überrollt und konnte nicht mehr heimkehren. Die Hausbewohner, welche mich größtenteils schon als Baby und somit auch mein Schicksal kannten, nahmen mich freudig in Empfang und überredeten mich, nicht mehr an die Front zu gehen. Sie gaben mir Zivilkleider, versorgten mich den Umständen entsprechend mit Speis und Trank, bauten für mich in der Waschküche ein Versteck aus Waschtrögen und tarnten diese mit feuchten Tüchern. Fast drei Tage lang habe ich so gehaust, um nicht von den nach Fahnenflüchtigen suchenden SS-Streifen entdeckt zu werden. Am 8. April 1945 eroberten sowjetische Soldaten im Straßenkampf unser Wohngebiet. Der Krieg war für mich zwar zu Ende, aber die tödlichen Gefahren blieben bestehen.

Obwohl sich die Hauptkampflinie merklich hörbar bereits verlagert hatte, vernahm man in unmittelbarer Nähe immer wieder Schüsse aus einer vermutlich deutschen Maschinenpistole. Alle Hausbewohner waren weiter im Keller und die Türen des Hauses waren auch noch versperrt. Plötzlich hörten wir, dass unser eisernes Haustor von außen mit roher Gewalt aufgebrochen wurde, dem ein Getrampel von schweren Stiefel folgte. Mehrere sowjetische Soldaten hatten unser Haus gestürmt und liefen im Treppenhaus hoch. Sie begannen in den Obergeschoßen nacheinander die Wohnungstüren einzutreten, um nach einem Heckenschützen zu suchen. Im Keller befand sich auch eine Bewohnerin, die kurz vor der Besetzung durch die sowjetischen Truppen aus einem KZ flüchten konnte und mich auch schon von früher kannte. Da außer mir im Keller kein männlicher Bewohner anwesend war, entschloss sie sich, mit mir zu unseren Wohnungen zu gehen, um die Eingangstüren aufzusperren und sie so von einer Zerstörung zu bewahren. Als wir die Treppe hoch kamen, standen vor uns plötzlich drei Riesen von Mongolen in sowjetischer Uniform, die eben dabei waren, weitere Wohnungstüren einzutreten. Meiner ansichtig, setzte mir einer der drei Soldaten seine Maschinenpistole an die Brust. Die mich begleitende Frau begann jämmerlich zu weinen, flehte die Soldaten an, mir nichts zu tun und zeigte ihnen gleichzeitig die am Oberarm eintätowierte Nummer aus dem KZ. Im selben Augenblick wurde wieder eine Mpi-Salve abgefeuert und traf einen der sowjetischen Soldaten, die bei einem zertrümmerten Gangfenster standen. Die beiden anderen trugen den offenbar Schwerverwundeten weg und wir begaben uns, am ganzen Körper zitternd, wieder in den Keller. Später stellte sich heraus, dass sich am Dach eines gegenüberliegenden Hauses ein SS-Mann verschanzt hatte und bei jeder Gelegenheit auf sowjetische Soldaten schoss. Nachdem ihm offenbar die Munition ausgegangen war, stürzte er sich über vier Stockwerke in die Tiefe und wurde auf der Straße liegend tot aufgefunden.

Die Herkunft der Mpi-Garben war somit geklärt und ein gefährlicher Irrtum beseitigt. Mein Leben war wieder einmal gerettet. Trotzdem hatte ich noch immer Angst, versteckte mich aber nicht mehr im Keller, sondern auf einem schwer zugänglichen Flachdach unseres Hauses.

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