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Der Wiederaufbau - Zeitzeugenbericht von Kurt Motlik

Bild von Kurt MotlikNACHKRIEGSZEIT

Der Wiederaufbau

Die folgenden Darstellungen beziehen sich vorerst hauptsächlich auf den 21. Wiener Gemeindebezirk (Floridsdorf), wobei aber davon ausgegangen werden kann, dass in den übrigen Stadtteilen ähnliche Bestrebungen stattgefunden hatten.

Der Wiederaufbau in Floridsdorf begann bereits zu einer Zeit, als am Rande des Bezirks noch schwere Kämpfe im Gang waren. Zuerst wurden die Wohnungen und Geschäftslokale vom Schutt der Kampfhandlungen gesäubert, beschädigte Dächer notdürftig geflickt, gebrochene Glasscheiben durch Bretter ersetzt u.v.m. Dazu muss man bemerken, dass dies nur auf primitivste Weise erfolgen konnte, da es nichts zu kaufen gab.

Um den öffentlichen Raum wieder zu beleben, wurde bereits am 17.04.1945 in Floridsdorf von der sowjetischen Besatzungsmacht ein Bürgermeister eingesetzt und eine Bezirksverwaltung gebildet. Sie hatte die äußerst schwierige Aufgabe, für eine, wenn auch sehr dürftige Verteilung von Lebensmittel zu sorgen, sowie die Infrastruktur wenigstens provisorisch wieder aufzubauen.

Schon am 21.04.1945 wurde von sowjetischen Pionieren über die Trümmer der in der Donau liegenden Floridsdorfer-Brücke (damals Malinovski-Brücke) ein Holzsteg gebaut, der zwischen 5.30 Uhr – 7.30 Uhr nur von Berufstätigen benutzt werden durfte. Dieser Steg war etwa 1,50 Meter breit und besaß als Geländer nur eine Holzlatte. Besonders gefährlich war die Benützung des Stegs bei Regen, Schnee oder Glatteis.

Ende April 1945 erschien die erste österreichische Tageszeitung mit dem Namen „Neues Österreich“, die von der sowjetischen Besatzungsmcht herausgegeben und daher streng zensiert wurde.

Das in Floridsdorf befindliche Gaswerk Leopoldau nahm ebenfalls Ende April 1945 einen sehr beschränkten Betrieb der Gasversorgung auf, konnte aber die Haushalte nur von 10.00 Uhr – 12.00 Uhr und von 16.00 Uhr – 18.00 Uhr mit sehr geringem Gasdruck beliefern.

Anfang Mai 1945 nahm der sowjetisch kontrollierte Rundfunksender am Wiener Bisamberg (ehemals Radio Wien) seinen Betrieb auf, konnte aber nur in jenen Haushalten empfangen werden, die bereits über eine provisorische Stromversorgung verfügten.

Auch das Krankenhaus Floridsdorf wurde im Mai 1945 mit sehr eingeschränktem Betrieb wieder eröffnet. Das Gebäude war bis zum Jahre 1942 eine Schule, anschließend ein Lazarett für deutsche Soldaten, wurde aber gegen Kriegsende durch Bomben schwer beschädigt. Nach der neuerlichen Betriebsaufnahme war dies das einzige Wiener Krankenhaus am linken Donauufer.

Da die Bevölkerung noch immer unter einer sehr großen Lebensmittelnot litt, wurden von der Stadtverwaltung brachliegende Grünflächen zum Anbau von Kartoffeln und Gemüse freigegeben (Grabeland).

Der Unterricht an den Schulen wurde im Juni 1945 notdürftig wieder aufgenommen. Das Semester endete aber schon im August, sodass es nur sehr kurze Sommerferien gab. Vorerst mussten die Kriegsschäden beseitigt werden, ehe man mit den zusammengetragenen Schreib- und Lernmittel den Unterricht wieder beginnen konnte.

Ende Juli 1945 gab es bereits eine Straßenbahnlinie von der Floridsdorfer Brücke in die Innere Stadt (Augartenbrücke). Doch in Floridsdorf selbst konnte der Straßenbahnbetrieb erst im Herbst 1945 aufgenommen werden. Die damalige Straßenbahnlinie 331 verkehrte auf der Strecke Wasserpark-Stammersdorf und die Linie 17 auf der Strecke Hoßplatz-Stadlau. Somit gab es wieder eine öffentliche Verkehrsverbindung von Stammersdorf in die Innere Stadt, doch musste man noch immer zu Fuß den Holzsteg über die Donau benützen. Der Wagenpark war sehr primitiv (offene Plattformen, Wagen mit Planen statt Fenster). Zur gleichen Zeit konnte in Floridsdorf auch die private Stromversorgung verbessert werden. Es gab aber immer noch plötzliche Abschaltungen.

Ende August 1945 wurde die nur leicht beschädigte Nordwestbahnbrücke (die heutige Nordbrücke) wieder für den Eisenbahnverkehr freigegeben. Es war dies für lange Zeit die einzige Bahnverbindung über die Donau. Die Reichsbrücke (Brücke der Roten Armee) war die einzige, fast unbeschädigte Straßenbrücke über die Donau und hatte daher lange den gesamten Straßenverkehr aufzunehmen.

Auch die Fabriken in Floridsdorf, die fast zur Gänze von den Sowjets beschlagnahmt waren, begannen langsam wieder zu produzieren. Die größte Produktionsstätte mit mehreren tausend Mitarbeitern war die Wiener Lokomotivfabrik. Bereits im Oktober 1945 wurde die erste Nachkriegs-Dampflokomotive ausgeliefert. Mit der zunehmenden Bahnelektrifizierung wurden dort später auch Elektrolokomotiven erzeugt.

Im Jahre 1945 war die Lebensmittelversorgung in Wien noch so schlecht, dass die USA in der Ostzone mit Hilfslieferungen für Mütter mit Kindern einspringen musste (CARA-Pakete).

Im Herbst 1947 kamen die ersten der 160.000 Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion nach Österreich zurück. Nach einem kurzen Erholungsurlaub wurden sie als dringend benötigte Arbeitskräfte der Wirtschaft zugeführt. Gleichzeitig wurde damit begonnen, die 90.000 in Wien beschädigten oder zerstörten Wohnungen wieder benützbar zu machen. Ebenfalls im Herbst 1947 nahm das Wiener Riesenrad mit allerdings nur halber Wagenzahl den Betrieb wieder auf.

Die weltweit bekannte, gute Zweiradindustrie hatte sich so weit entwickelt, dass bereits im Jahre 1948 nach Brasilien 200 Puch-Motorräder exportiert werden konnten. Auch andere Betriebe bauten ihre Werke aus und steigerten damit die Produktion. Der dadurch enstandene hohe Bedarf an elektrischer Energie machte es erforderlich, in Österreich große Kraftwerke zu bauen. Das Speicherkraftwerk Kaprun (Betrieb ab 1951) und das Donaukraftwerk Ybbs-Persenbeug (Betrieb ab 1958) deckten nach ihrer Fertigstellung etwa 75% des gesamten österreichischen Strombedarfs. Die Planung für das Donaukraftwerk Ybbs-Persenbeug wurde zwar schon im Jahre 1924 abgeschlossen, doch mit dem Bau wurde erst im Jahre 1938 begonnen. Im Jahre 1944 wurde er kriegsbedingt eingestellt und erst im Jahre 1954 fortgesetzt.

In der Zwischenzeit hat in Österreich eine starke Motorisierungswelle eingesetzt. Man begnügte sich vorerst mit dem Kauf von gebrauchten Fahrzeugen aus der Vorkriegszeit. Später entschloss man sich allmählich zum Erwerb von erschwinglichen, neuen Fahrzeugen, wie zum Beispiel Motorroller, 125cm³ - Motorräder, oder Klein-PKW aus bereits österreichischer Produktion (Steyr-Puch 500). Interessant sind auch die damaligen Preise (Mitte 1955): Der Klein-PKW kostete ÖS 23.800,- = 1.730 Euro, 1 Liter Normalbenzin ÖS 3.10,- = 0,23 Euro. Der damalige durchschnittliche Monatsverdienst betrug ÖS 1.700,- = 124 Euro.

Auch der Tourismus mit Kraftfahrzeugen aus dem Ausland nahm rasch zu, da im Jahre 1953 die Kontrolle an der Zonengrenze eingestellt wurde. Dies erforderte natürlich den forsierten Bau neuer Straßen und Autobahnen. Der Treibstoffverbrauch stieg enorm an, konnte aber von den Ölfeldern im Marchfeld nicht gedeckt werden. Die umso weniger, als zwischen 1945 - 1955 die Ölquellen von der sowjetischen Besatzungsmacht brutal ausgebeutet wurden. Durch den ebenfalls stark zunehmenden Luftverkehr wurder der Treibstoffbedarf noch mehr gesteigert. Die hierfür erforderlichen Treibstoffe mussten daher fast zur Gänze eingeführt werden.

Es ereigneten sich aber in dieser Zeit auch andere, erfreuliche Dinge:

Am 27.11.1948 kommt der letzte Heimkehrertransport aus der Sowjetunion in der Wiener Neustadt an. Damit sind insgesamt 488.419 ehemalige Kriegsgefangene wieder in ihre Heimat zurückgekehrt.

Im Dezember 1948 wird das Österreichische Sporttoto eingeführt.

Im Jänner 1949 wird vorerst nur die Brot- und Mehlrationierung aufgehoben.

Im Jahre 1950 wird in Wien der weltberühmte, amerikanische Kriminalfilm „Der dritte Mann“ gedreht.

Im selben Jahr wird die Todesstrafe abgeschafft und die gesamte Lebensmittelrationierung beendet.

Am 26.04.1952 wurde der Wiederaufbau des Stefansdoms mit dem Einzug einer neuen Pummerin (sehr große Glocke) abgeschlossen, nachdem der Dom am 15.04.1945 durch deutsche Kanonen vom linken Donauufer in Brand geschossen wurde, wobei die Pummerin in die Tiefe stürzte und zerbrach. Die neue Pummerin musste vorerst auf einem Holzgestell links neben dem Haupteingang aufgehängt werden, da die Glockenstube erst später fertig wurde. Sie war zu dieser Zeit die zweitgrößte Kirchenglocke der Welt, wiegt 20.000 kg und hat einen Nachklang von 200 Sekunden.

Nachdem unterdessen die meisten Schäden in Wien behoben waren, konnte man sich verstärkt der Planung und dem Neubau von Wohnungen, Schulen und anderen Anlagen widmen. So entstand zum Beispiel in Floridsdorf ein Schulzentrum mit Hallenbad in der Franklinstraße und eine Groß-Wohnhausanlage mit dem Namen „Klein-Manhatten“ mit 15 Stockwerken und hunderten Wohnungen in der Mitterhofergasste. Gleichzeitig wurde das Wiener Allgemeine Krankenhaus als größtes Krankenhaus Europas, sowie die Wiener Stadthalle als größter europäischer Hallenbau mit 15.000 Sitzplätzen geplant und errichtet.

Im Juli 1954 erreichte Wien ein Hochwasser, das alle bisherigen in den Schatten stellte. 20 Tage lang waren weite Teile der angrenzenden Bezirke überschwemmt. Die Stadtverwaltung begann sofort mit der Planung und Umsetzung eines „Absoluten Hochwassserschutzes“ und errichtete ein zweites Flussbett (200 m breit und 21 km lang). Durch ein Einlaufbauwerk wird der Wasserstand reguliert. Auf diese Weise entstand zwischen den beiden Wasserläufen ein Naherholungsgebiet, das den Namen „Donauinsel“ trägt.

Zur Wiederaufbauphase in Wien zählt natürlich auch die Einführung des Fernsehens. Das erste Studio wurde im Jahre 1954 in einer alten Schule vorerst mit sehr primitiven Mitteln eingerichtet. In den ersten Wochen wurde täglich nur eine Stunde lang ein Versuchsprogramm gesendet. Später wurde es auf einige Stunden täglich ausgeweitet. Die ersten Fernsehgeräte waren sehr teuer, weshalb in den Anfängen nur etwa 500 Teilnehmer das Programm in Anspruch nahmen. Die meisten dieser wenigen Geräte standen hauptsächlich in Gast- oder Kaffeehäusern und in den Auslagen großer Elektrogeschäfte.

Fast als Symbol der Befreiung wurden im Jahr der Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrags 1955 die Wiener Staatsoper und das Wiener Burgtheater wiedereröffnet.

Auch der Eisenbahnbetrieb wurde zügig ausgebaut. So konnte bereits im Jahre 1952 auf der Strecke WienWest – Amsteten die neu elektrifizierte Bahnstrecke eröffnet werden.

Trotz gewaltiger finanzieller und wirtschaftlicher Probleme wurden in der unmittelbaren Nachkriegszeit im internationalen Sport beachtliche Leistungen vollbracht. Bereits im Sommer 1946 wurde in Wien der erste internationale Wettkampf ausgetragen. Es war der Fußball-Länderkampf Österreich gegen Frankreich, bei welchem unsere Mannschaft mit 4:1 im noch schwer beschädigten Prater-Stadion siegreich blieb. Viele Besucher mussten mit Booten über den Donaukanal befördert werden, da alle Brücken noch unbenützbar waren. Zu dieser Zeit gab es noch keine österreichische Bundeshymne. Deshalb wurde das Lied „Oh, Du mein Österreich…“ intoniert und mit großem Beifall aufgenommen. In diesen Jahren der Nachkriegszeit (1945-1955) waren die Österreicher auch bei anderen internationalen Wettkämpfen sehr erfolgreich. So errangen sie bei Olympiaden und Welt- oder Europameisterschaften in den verschiedensten Disziplinen

Ø  26 Goldmedaillen oder 1. Plätze,

Ø  10 Silbermedaillen oder 2. Plätze und

Ø  16 Bronzemedaillen oder 3. Plätze.

Mit viel Fleiß und großer Liebe zur Heimat ist es uns gelungen, trotz starker Behinderungen durch die Besatzungsmächte, besonders im Osten unseres Landes, während dieser Zeit den Grundstein für ein selbstständiges und friedliches Österreich zu legen, um das uns viele Menschen dieser Welt beneiden.

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