Oberschenkelhalsbruch - Die Angst vor dem Sturz

Mit dem Alter steigt die Sturzgefahr: Fast jeder dritte über 65  fällt einmal im Jahr hin. Nur selten sind äußere Umstände schuld - oft liegt es einfach an der Gewichtsverlagerung.

Nach einem Sturz steht oft nur die medizinische Behandlung der akuten Sturzverletzung im Vordergrund. Der Kern des Problems wird damit aber nicht behoben. „Stürze von Senioren lassen sich nur vermeiden, wenn man deren Ursachen und die Umstände kennt“, sagt Dr. Martin Schunck, Chefarzt der Klinik für Geriatrie an der Kreisklinik Groß-Umstadt. Oftmals sind es weniger einzelne Ursachen sondern ein Zusammenspiel mehrerer Kriterien, die zu einem Sturz führen. „Eine gute Koordination, ein ausgeprägtes Gleichgewichtsgefühl und eine starke Muskulatur sind beispielsweise zum schnellen Aufstehen gefordert. Die meisten Senioren stürzen aufgrund einer inadäquaten Gewichtsverlagerung beim Vorwärtsgehen oder Aufstehen. Stolpern ist die zweithäufigste Ursache.“ Der Chefarzt plädiert deshalb für eine ganzheitliche Therapie, die Muskelaufbau und Coachings für ein starkes Selbstvertrauen beinhalten.

Oberschenkelhalsbrüche sind häufige Verletzungen bei Stürzen

Durch eine geringere Knochensubstanz älterer Menschen kommt es bei den Stürzen häufig zu Frakturen, insbesondere zu Oberschenkelhalsbrüchen. Hierbei bricht der Schenkelhals, der den Hüftkopf mit dem Oberschenkelknochen verbindet. Behandelt werden diese Brüche mit Hilfe einer hüftkopferhaltenden oder einer hüftkopfersetzenden Therapie. „In der geriatrischen Therapie kommen meist osteosynthetische Operationen zum Einsatz, bei denen von Beginn an die Patienten wieder voll belasten dürfen und schnell wieder fit werden, oft werden dabei auch hüftkopfersetzende Operationen eingesetzt“, erklärt der Chefarzt.

Psychotherapeutische Aspekte müssen in der Therapie berücksichtigt werden

Die psychologischen Folgen eines Sturzes können den Heilungsprozess und die Rückkehr in ein eigenständiges Leben maßgeblich beeinträchtigen, weiß Dr. Schunck. Der befürchtete Verlust eines selbstbestimmten Lebens im eigenen Zuhause belastet viele geriatrische Patienten zusätzlich. Hier kann nur gegengesteuert werden, indem den Patienten Ängste genommen und psychologische Veränderungen durch den Sturz konsequent mitbehandelt werden. „Es ist uns ein großes Anliegen, das Selbstvertrauen und das oftmals gebrochene Selbstwertgefühl unserer Patienten zu stärken. Denn die Angst vor einem weiteren Sturz führt nicht selten zu einem unsicheren Gang. Deshalb ist die psychologische Therapie ein wichtiger Bestandteil der geriatrischen Behandlung.“

Da viele Stürze vor allem Zuhause passieren, kann das Vertrauen in die eigenen vier Wände erschüttert werden. Gleichzeitig steht der Wohnraum für ältere Menschen für Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Vertrautheit und hat damit eine große emotionale Bedeutung. Dieser Tatsache ist sich auch Dr. Schunck bewusst: „Es ist unser Ziel, die größtmögliche Selbstständigkeit und Selbstbestimmung unter Einbezug des individuellen Umfeldes zu erreichen. Dadurch können häufig Pflegebedürftigkeit und Unselbstständigkeit verhindert oder verringert werden“.

Körperliches Training wirkt präventiv

Physische Therapien wie die Bewegungs- und Ergotherapie in der Klinik für Geriatrie in Groß-Umstadt stärken den Bewegungsapparat der Patienten nach einer Fraktur. „Durch Muskelaufbau, Ausdauertraining und Sportübungen mit dem Schwerpunkt Sturzprophylaxe kann die Mobilität stückweise zurück erlangt werden“, erläutert Dr. Schunck.

Um den geriatrischen Patienten auch die Rückkehr in die eigenen vier Wände zu erleichtern, ist ein anschließendes Selbsthilfetraining mit individuell auf den Alltag abgestimmten Übungen sinnvoll. Darüber hinaus lassen sich durch ein spezielles Training die Kopf- und Rumpfkoordination, die räumlich-konstruktiven Wahrnehmung, sowie Stell- und Stützreaktionen verbessern. „In Einzel- und Gruppentherapien stehen die Funktionsverbesserungen im Hinblick auf die Alltagsbewältigung im Vordergrund“, beschreibt Dr. Schunck die Ziele der ganzheitlichen Therapie.

Prävention vor einem erneuten Sturz in häuslicher Umgebung

Die Sozialberatung der Klinik für Geriatrie in Groß-Umstadt greift den Patienten bei der Wohnraumadaption unter die Arme. Um erneuten Stürzen vorzubeugen, sind rutschfeste Böden und ausreichend Beleuchtung ratsam. Im Badezimmer können Haltegriffe oder ein Badewannenlift mehr Sicherheit geben. Hindernisse und Stolperfallen wie Teppichkanten und zu hohe Türschwellen sollten verringert werden. Adäquate Hilfsmittel wie Unterarmgehstützen oder Rollatoren können den Gang unterstützen, Hüftprotektoren können Sturzverletzungen verringern. Welche Kosten bei der Wohnraumadaption von der Krankenkasse übernommen werden, erfahren die Patienten ebenfalls in der Sozialberatung. „Besonders nach einem Sturz und einem längeren Klinikaufenthalt sind unsere Patienten auf Hilfestellungen zur Rückkehr in ihre Wohnung angewiesen“. Eine effektive und gezielte Prävention steht bei uns am Ende jeder Behandlung. Nur eine umfassende Vorsorge kann zukünftige Stürze verhindern“, sagt der Chefarzt.

„Nachgefragt“

Fragen an Dr. med. Martin Schunck, Chefarzt der Klinik für Geriatrie an den Kreiskliniken Darmstadt-Dieburg

Welche Leistungen bieten Sie an der Klinik für Geriatrie insbesondere zur Behandlung von Stürzen an?  

Dr. Schunck: Da wir eine multidimensionale Behandlung für unsere geriatrischen Patienten anstreben, bieten wir umfassende Therapiemöglichkeiten an. Neben der engen Zusammenarbeit mit anderen Kliniken beinhaltet unser Leistungsspektrum die Physio- und physikalische Therapie, Ergotherapie, Logopädie, psychologische Behandlungen und die Sozialberatung. Die physiotherapeutische Behandlung umfasst Übungen zur Verbesserung von Ausdauer, Belastbarkeit und allgemeiner Muskelkraft und dient in erster Linie der Erhaltung der Mobilität. Weiterhin wird eine Bewegungstherapie durchgeführt, die besonders für Sturzpatienten von elementarer Bedeutung ist. Schwerpunkt der Ergotherapie ist die Einübung alltäglicher Verrichtungen wie das An- und Auskleiden. Die neuropsychologische Diagnostik und Therapie sowie psychotherapeutische Gespräche ergänzen das Behandlungsangebot. Zusätzlich bietet die Sozialberatung Beratungsleistungen in Bezug auf die soziale Versorgung und die Hilfsmittelversorgung im eigenen Zuhause an.

Welche Patienten werden bei Ihnen behandelt?

Dr. Schunck: Wir behandeln in der Klinik für Geriatrie alle Patienten, denen die eigenständige Alltagsbewältigung schwer fällt. Ursachen können die Folgen eines Schlaganfalls, Störungen des Herz-Kreislauf-Systems, Knochenbrüche und die Prothesenversorgung sein - ebenso wie ein Sturzsyndrom mit Geh- und Bewegungsstörungen, aber es kommen auch viele andere Krankheitsbilder in Frage, die die Selbsthilfefähigkeit im Alltag stärker beeinträchtigen.

Welche Vorteile bietet die Geriatrische Tagesklinik im Vergleich zur stationären Klinik?
Dr. Schunck: In der Tagesklinik erhalten Patienten umfangreiche medizinische, diagnostische und therapeutische Behandlungsmöglichkeiten, bleiben jedoch nachts und am Wochenende in ihrem Zuhause. So behalten die Patienten bereits während der geriatrischen Therapie ihr selbstständiges Leben in den eigenen vier Wänden bei. Dies ist ein oft geäußerter Wunsch geriatrischer Patienten, dem wir mit unserer Tagesklinik entgegenkommen.

Wie werden Sturzpatienten bei der Rückkehr in ihre häusliche Umgebung von Ihnen unterstützt?

Dr. Schunck: „Die Sozialberaterinnen der Klinik für Geriatrie helfen beim Aufbau des Versorgungsnetzes und beraten bei finanziellen und konkreten Hilfeleistungen. Auch die Ausstattung mit adäquaten, modernen Hilfsmitteln in Abstimmung mit den Krankenkassen ist Teil der ganzheitlichen geriatrischen Therapie. Wir möchten, dass die Patienten sich der Bewältigung des Alltags in ihrem Zuhause wieder gewachsen fühlen und geben wertvolle Hinweise zur Prävention. Je früher die Patienten dabei unterstützt werden, Beeinträchtigungen durch Stürze zu vermindern oder das Gangbild zu verbessern, umso langfristiger kann die Gesundheit in der häuslichen Umgebung erhalten werden.“