Mythen und Wahrheiten zur chronischen Verstopfung

Berlin, 16.06.2015. Jeder kennt sie, aber kaum jemand kennt sich richtig damit aus: Das Thema ist die chronische Verstopfung. Zeit, mit Irrtümern aufzuräumen und der Realität ins Gesicht zu sehen! Und auch Zeit, dieses verbreitete Verdauungsproblem aus seiner Tabu-Ecke zu holen. Denn wer unter Verstopfung leidet, ist keineswegs vor allem „selber schuld“, sondern leidet unter einer Krankheit, die das Wohlbefinden einschränkt und die Lebensqualität vermindert. Und wer sich auskennt, der weiß auch, dass Abhilfe möglich ist. Denn zusätzlich zu den üblichen Abführmitteln aus der Apotheke, kann der Arzt in schwereren Fällen auch etwas anderes verordnen.

Wer ist überhaupt chronisch verstopft?

Dafür gibt es eine Reihe von Merkmalen, die in der sogenannten Rom-III-Klassifikation festgelegt sind. Wichtig ist: Die Probleme sollten seit mindestens drei Monaten bestehen. Bei weniger als drei Stuhlgängen pro Woche besteht mindestens ein Verdacht auf chronische Verstopfung. Aber es gibt Menschen, für die es völlig normal ist, selten zu „müssen“. Auf der anderen Seite kann auch jemand, der jeden Tag zur Toilette muss, verstopft sein. Nämlich dann, wenn er oder sie den Stuhl nur mit starkem Pressen herausbekommt oder sogar mit der Hand nachhelfen muss oder jeweils nur eine Teilmenge ausscheiden kann. Zusätzliche Bachschmerzen und/oder starke Blähungen erhärten den Verdacht auf eine chronische Verstopfung.

Liegt es an der Bewegung?

Die Aufforderung zu mehr körperlicher Aktivität und regelmäßigem Sport ist meist einer der ersten Ratschläge an den Betroffenen. Auch die Ärzte raten als Erstes zu mehr Bewegung, wenn ein Patient über chronische Verstopfung klagt. Denn es gibt wohl tatsächlich einen Zusammenhang zwischen Bewegungsmangel und chronischer Verstopfung oder Obstipation, wie die Ärzte das Leiden nennen. Mäßig aktive Menschen scheinen laut großen Untersuchungen seltener chronisch verstopft zu sein als inaktive. Doch wer bereits chronisch verstopft ist, dem nützt zusätzliche Bewegung kaum: Bisher ließ sich in keiner Studie ein therapeutischer Effekt von Bewegungsprogrammen auf die Darmtätigkeit nachweisen.

Liegt es an der Ernährung?

Dies ist die zweite Basisempfehlung, die sogar in die Leitlinie zur Behandlung der chronischen Verstopfung Eingang gefunden hat: Eine gesunde Ernährung mit einem hohen Anteil an Faser- bzw. Ballaststoffen. Bei gesunden Menschen kann eine faserreiche Kost auch tatsächlich Häufigkeit und Menge des Stuhlgangs erhöhen. Aber auch hier gilt: Wer bereits unter einer chronischen Verstopfung leidet, also bereits mehr als drei Monate entsprechende Beschwerden hat, erzielt mit einer Ernährungsumstellung in der Regel weniger Effekt als ein Gesunder. Noch dazu können vermehrt Blähungen und Bauchkrämpfe auftreten. Auch konnte in Studien kein Unterschied in der Ernährung von Menschen mit und ohne Verstopfung gefunden werden. Dass chronisch Verstopfte sich generell falsch ernähren, ist also ein Irrtum.

Liegt es an zu wenig Flüssigkeit?

Auch eine Erhöhung der Trinkmenge gehört zu den Empfehlungen der Therapie-Leitlinie für die chronische Verstopfung. Aber nur wenn wirklich eine zu geringe Flüssigkeitsaufnahme zu verzeichnen ist, ist auch ein Einfluss auf die Stuhlbeschaffenheit denkbar. Denn dann kann der Stuhl austrocknen und lässt sich dadurch schwerer ausscheiden. Etwa 1,5 Liter sollte man täglich trinken. Jedoch kann man auch dann unter Obstipation leiden, wenn man ausreichend trinkt, und dann nützt es auch nichts, noch mehr zu trinken.

Liegt es an den Hormonen?

Zwar leiden durchaus auch Männer unter chronischer Verstopfung, doch bei Frauen tritt sie fast doppelt so häufig auf. Die Gründe hierfür sind nicht wirklich klar. Wohl kann während einer Schwangerschaft auch häufig eine verlangsamte Darmtätigkeit beobachtet werden. Hierfür wird, neben den eingeschränkten Platzverhältnissen durch den wachsenden Fötus, das Hormon Progesteron verantwortlich gemacht, das bei Schwangeren erhöht ist. Aber ansonsten konnte man keinen wesentlichen Einfluss von Geschlechtshormonen auf die Verdauung feststellen. Die Werte von verstopften und nicht-verstopften Frauen unterscheiden sich nicht.

Liegt es am Alter?

Das Alter spielt tatsächlich eine wichtige Rolle. Die Häufigkeit der chronischen Verstopfung nimmt mit dem Alter ganz erheblich zu. Hierfür gibt es mehrere Gründe: Im Alter verringert sich die Zahl und Dichte der Darmnerven, dies kann zu einem langsameren Transport der Nahrung durch den Darm führen. Auch können Krankheiten wie Diabetes oder Nervenleiden dieselbe Wirkung haben. Alte Menschen haben zudem oft mehrere Krankheiten, die mit mehreren Medikamenten behandelt werden müssen. Viele häufig verordnete Tabletten lösen als Nebenwirkung Verstopfung aus. Hier lohnt es sich, mit dem Arzt über mögliche Alternativen zu sprechen. Im Alter wirken sich auch die Faktoren Immobilität und zu geringe Trinkmenge negativ auf die Verdauung aus.

Schädigen Abführmittel den Darm?

Eindeutig nein. Abführmittel sind – wenn man sie wie angegeben benutzt – verträgliche und effektive Medikamente. Es gibt keinerlei Hinweise, dass sie den Darm schädigen, Krebs erzeugen oder abhängig machen. Allerdings können sie Bauchschmerzen und Durchfall hervorrufen. Zuweilen muss nach einer Weile die Dosis gesteigert werden. Dies weist dann darauf hin, dass sich die Krankheit chronische Verstopfung verschlimmert hat.

Was tun, wenn gar nichts hilft?

Zunächst einmal: Weitere Informationen einholen, zum Beispiel auf der Internet-Seite www.Leben-mit-Verstopfung.de. Wenn aber die Obstipation allzu hartnäckig ist und kein Behandlungsversuch Wirkung zeigt, sollte man den Arzt aufsuchen. Ihr Arzt kann Ihnen weitere Präparate verschreiben, die dann zum Einsatz kommen, wenn herkömmliche Abführmittel nicht (mehr) wirken.

Hinweis:
Dieser Artikel dient ausschließlich Ihrer Information und ersetzt keinesfalls den Besuch bei einem approbierten Arzt. Alle auf www.planetsenior.de angebotenen Inhalte dürfen und können nicht zur Selbstdiagnose oder Eigenmedikation verwendet werden. PlanetSenior leistet keinerlei Beratung oder Empfehlung. Fragen Sie hinsichtlich Heilungsverfahren, Diagnosen, Symptomen und Medikation unbedingt Ihren Arzt oder Apotheker. Beachten Sie bitte auch den Haftungsausschluss.