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Harald-Kolumne 2

Fangen wir ganz vorne an:
Ich entstamme dem Osten unseres schönen Landes und erblickte kurz vor Kriegsende das Licht der Welt. Kurz vor meinem sechsten Geburtstag wurde ich Ostdeutscher, also Bürger der Deutschen Demokratischen Republik. Ich war sehr stolz darauf. Alles sollte besser werden als es war. 

An Geborgenheit, Liebe und Nahrung fehlte es mir nicht. Auch die nachfolgenden 40 Jahre meines DDR-Lebens musste ich nie Hunger leiden. Ich hatte immer ein Dach über dem Kopf und viel Spaß. Schöne Erlebnisse gehörten ebenso dazu wie Trauer, Wut, Verluste und Niedergeschlagenheit – so wie in jedem Leben. Kurz nach meiner Einschulung wurde ich Jungpionier. Ich trug nun zu wichtigen nationalen Ereignissen ein weißes Hemd und ein blaues Tuch um den Hals und grüßte die Lehrer vor  Unterrichtsbeginn mit einer Bereitschaftsbekundung für Frieden und Völkerfreundschaft, bald darauf für Frieden und Sozialismus. Wir Pioniere hoben beim Gruß den rechten Arm und hielten die flache Hand so über dem Kopf, dass der Daumen zum Kopf und der kleine Finger Richtung Himmel zeigte. Ich verstand relativ schnell, dass Frieden und Sozialismus nett und wichtig sind und irgendwie untrennbar zusammen gehören mussten. Ein Pionierlied machte eine kleine weiße Taube zum Friedenshelden. Die hatte also auch damit zu tun.

Bild von Tauben

Heute kann ich Tauben absolut nicht ausstehen. Etliche sehr große Exemplare dieser Gattung lieben es auf dem Ast eines mikrigen Baumes direkt über meinem für 70 Euro angemieteten Parkplatz zu sitzen und ihre "Notdurft" zu verrichten, als ob ein Wettbewerb dahinter steckt. Es gibt so viele schöne Äste im Innenhof unseres Wohnblocks, aber nein, es muss der über meinem Auto sein. Außerdem ist der Ast so dünn, dass die Viecher schräg sitzen, wenn sie ihre Exkremente in Richtung Autodach entlassen. Ich würde so etwas nicht tun, aber ich bin ja auch keine Taube. Also, was haben diese blöden, nutzlosen, fetten Tauben mit dem Frieden zu tun?

Eines ist mir klar: Wenn der Ast eines schlimmen Tages unter der Taubenlast abbricht und auf mein Auto fällt – dann gibt es Krieg! In meinem Keller liegt ein  altes Luftgewehr und ich habe mir die Tauben eingeprägt. Ich habe ihnen sogar Namen gegeben, damit ich mir diese Verbrecher besser merken kann. Ich weiß, ich weiche gerade gehörig von meiner Lebensgeschichte ab, aber ich muss meinen Zorn diesbezüglich teilen, denn meine Frau Regina will davon nichts hören. Sie hält mich in manchen Dingen für zu radikal. Aber was hat das mit Radikalismus zu tun? Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, bei meinem Luftgewehr. Eine Taube ist ja kein Spatz, also bin ich auch nicht radikal.

Ich bin eigentlich kein Fan von Verschwörungstheorien, aber manchmal habe ich das Gefühl, dass mit den Tauben etwas nicht ganz koscher ist. Ich habe keine Feinde, da bin ich mir sicher. Alle können mich gut leiden, auch der Eigentümer der Waschanlage um die Ecke. Letzte Woche bekam ich von ihm die Goldene Waschkundenkarte überreicht. Auch Regina, die dieser Zeremonie beiwohnen durfte, kam nicht an dem Fakt vorbei, dass der „Wasch-Dieter“ ein gewisses süffisantes Lächeln ins Gesicht gebrannt hatte, welches der sonst so muffelige Dieter nur bei mir auspackt. Da stimmt doch etwas nicht.
Lieber Dieter, wenn ich eines Tages dahinter komme, dass du Tauben abrichtest um deinen Umsatz anzutreiben, dann … dann … naja, dann werde ich nicht mehr bei dir waschen. Das sollte Strafe genug sein. Ich kann ja nicht jedem den Krieg erklären. Außerdem bin ich nicht radikal.

Ende Teil 2

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