Gedichte vom Sinn des Lebens

Leider! (Wilhelm Busch 1832-1908)

So ist's in alter Zeit gewesen,
So ist es, fürcht ich, auch noch heut.
Wer nicht besonders auserlesen,
Dem macht die Tugend Schwierigkeit.
Aufsteigend musst du dich bemühen,
Doch ohne Mühe sinkest du.
Der liebe Gott muss immer ziehen,
Dem Teufel fällt's von selber zu.

Lächelnde Einsicht (Theodor Fontane)

Es hilft uns kein Geldbeutel,
so nimm es, wie es fällt:
Der eine hat den Beutel,
der andre hat das Geld. Es lässt sich nichts erklopfen:
Der eine hat den Wein,
der andre hat die Propfen.
Man muss zufrieden sein!

Überlass es der Zeit (Theodor Fontane 1819-1898)

Erscheint dir etwas unerhört,
bist du tiefsten Herzens empört,
bäume nicht auf, versuch's nicht mit Streit,
berühr es nicht, überlass es der Zeit. Am ersten Tag wirst du feige dich schelten,
am zweiten lässt du dein Schweigen schon gelten,
am dritten hast du's überwunden;
alles ist wichtig nur auf Stunden,
Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter,
Zeit ist Balsam und Friedensstifter.

Rosen pflücke, Rosen blühn (Ludwig Gleim 1719-1803)

Rosen pflücke, Rosen blühn,
Morgen ist nicht heut!
Keine Stunde lass entfliehn,
Flüchtig ist die Zeit!
 
Trinke, küsse! Sieh, es ist
Heut Gelegenheit!
Weißt du, wo du morgen bist?
Flüchtig ist die Zeit!
 
Aufschub einer guten Tat
Hat schon oft gereut!
Hurtig leben ist mein Rat.
Flüchtig ist die Zeit!

Zufriedenheit  (Friedrich Wilhelm Grimme 1827-1887)

Immer streckst du deine Hand aus,
neue Früchte zu erlangen.
Immerhin! – Doch warum trübe,
wenn sie nicht so lose hangen?
Sei manierlich und bescheiden!
Hohe Sprünge selten frommen;
und am Abend preise glücklich
schon den Tag, der nichts genommen.

Lebenskunst (Otto Reutter 1870-1931)

Ach, was sind wir dumme Leute -
wir genießen nie das Heute.
Unser ganzes Menschenleben
ist ein Hasten, ist ein Streben
ist ein Bangen, ist ein Sorgen -
Heute denkt man schon an Morgen.
Morgen an die spätere Zeit -
und kein Mensch genießt das Heut.
Auf des Lebens Stufenleiter
eilt man weiter, immer weiter. Nutz den Frühling Deines Lebens
Leb im Sommer nicht vergebens
denn gar bald stehst Du im Herbste
bis der Winter naht, dann sterbste.
Und die Welt geht trotzdem heiter
immer weiter, immer weiter.

Ein bisschen mehr Freude (Peter Rosegger 1843-1918)

Ein bisschen mehr Freude und weniger Streit,
ein bisschen mehr Güte und weniger Neid,
ein bisschen mehr Liebe und weniger Hass,
ein bisschen mehr Wahrheit, das wär' doch was! Statt soviel Unrast ein bisschen Ruh',
Statt immer nur ich bisschen mehr du,
statt Angst und Hemmung ein bisschen mehr Mut
und Kraft zum Handeln, das wäre gut. Kein Trübsal und Dunkel, ein bisschen mehr Licht,
kein quälend Verlangen, ein froher Verzicht,
und viel mehr Blumen, solange es geht,
nicht erst auf Gräbern, denn da blüh'n sie zu spät.

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