Naturgedichte

Guter Rat (Theodor Fontane)

An einem Sommermorgen
Da nimm den Wanderstab,
Es fallen deine Sorgen
Wie Nebel von dir ab.   Des Himmels heitere Bläue
Lacht dir ins Herz hinein,
Und schließt, wie Gottes Treue,
Mit seinem Dach dich ein.  Rings Blüten nur und Triebe
Und Halme von Segen schwer,
Dir ist, als zöge die Liebe
Des Weges nebenher.  So heimisch alles klinget
Als wie im Vaterhaus,
Und über die Lerchen schwinget
Die Seele sich hinaus.

An die Sternen (Andreas Gryphius 1616-1664)

Ihr Lichter, die ich nicht auff Erden satt kann schauen,
Ihr Fackeln, die ihr Nacht und schwarze Wolken trennt
Als Diamante spielt, und ohn Aufhören brennt;
Ihr Blumen, die ihr schmückt des großen Himmels Auen: Ihr Wächter, die als Gott die Welt auf-wollte-bauen;
Sein Wort die Weisheit selbst mit rechten Namen nennt
Die Gott allein recht misst, die Gott allein recht kennt
(Wir blinden Sterblichen! was wollen wir uns trauen!) Ihr Bürgen meiner Lust, wie manche schöne Nacht
Hab ich, in dem ich euch betrachtete, gewacht?
Herolden diseer Zeit, wenn wird es doch geschehen, Dass ich, der euer nicht allhier vergessen kann,
Euch, derer Liebe mir steckt Herz und Geister an
Von andern Sorgen frei werd unter mir besehen?

Blühende Bäume (Hugo von Hofmannsthal, 1874-1929)

Was singt in mir zu dieser Stund
Und öffnet singend mir den Mund,
Wo alle Äste schweigen
Und sich zur Erde neigen? Was drängt aus Herzensgrunde
Wie Hörnerschall zutag
Zu dieser stillen Stunde,
Wo alles träumen mag
Und träumend schweigen mag?
An Ästen, die sich neigen,
Und braun und dunkel schweigen,
Springt auf die weiße Blütenpracht
Und lacht und leuchtet durch die Nacht
Und bricht der Bäume Schweigen,
Dass sie sich rauschend neigen
Und rauschend ihre Blütenpracht
Dem dunklen Grase zeigen! So dringt zu dieser stillen Stund
Aus dunklem, tiefem Erdengrund
Ein Leuchten und ein Leben
Und öffnet singend mir den Mund.

Rabenschnabelschnupfen (Manfred Kyber, 1880-1933)

Die Raben haben Schnabelschnupfen
Und scheinen gar nicht wohl zu sein.
In Tücher mit und ohne Tupfen
Verpacken sie sich sorgsam ein. Die Sache ist durchaus bedenklich,
Wie man hier leider, leider sieht.
Und auch die Kinder scheinen kränklich
Und von erkältetem Gemüt. Oh, schont euch, hütet euch zu hupfen
Und bleibt im Neste weich gewiegt,
Dass ihr zum Rabenschnabelschnupfen
Nicht auch das Krallenrheuma kriegt!

Butterblumengelbe Wiesen (Christian Morgenstern, 1871-1914)

Butterblumengelbe Wiesen,
sauerampferrot getönt, -
o du überreiches Sprießen,
wie das Aug dich nie gewöhnt! Wohlgesangdurchschwellte Bäume,
wunderblütenschneebereift -
ja, fürwahr, ihr zeigt uns Träume,
wie die Brust sie kaum begreift.

Die Tulpe (August von Platen, 1796-1835)

Andre mögen andre loben,
Mir behagt dein reich Gewand,
Durch sein eigen Lied erhoben
Pflückt dich eines Dichters Hand. In des Regenbogens sieben
Farben wardst du eingeweiht,
Und wir sehen, was wir lieben,
An dir zu derselben Zeit. Als mit ihrem Zauberstabe
Flora dich entstehen ließ,
Einte sie des Duftes Gabe
Deinem hellen, bunten Vlies. Doch die Blumen all, die frohen,
Standen nun voll Kummers da,
Als die Erde deinen hohen
Doppelzauber werden sah. "Göttin! o zerstör uns wieder,
Denn wer blickt uns nur noch an?"
Sprach's die Rose, sprach's der Flieder,
Sprach's der niedre Thymian. Flora kam, um auszusaugen
Deinen Blättern ihren Duft:
"Du erfreust", sie sagt's, "die Augen,
Sie erfreun die trunkne Luft".

Die Rosen im Garten (Ernst Stadler, 1883-1914)

Die Rosen im Garten blühn zum zweiten Mal.
Täglich schießen sie in dicken Bündeln
In die Sonne. Aber
die schwelgerische Zartheit ist dahin,
Mit der ihr erstes Blühen sich im Hof
des weiß und roten Sternenfeuers wiegte.
Sie springen gieriger,
wie aus aufgerissenen Adern strömend,
Über das heftig
aufgeschwellte Fleisch der Blätter.
Ihr wildes Blühen
ist wie Todesröcheln,
Das der vergehende Sommer
in das ungewisse Licht des Herbstes trägt.

Am grauen Strand (Theodor Storm, 1817-1888)

Am grauen Strand, am grauen Meer
und seitab liegt die Stadt;
der Nebel drückt die Dächer schwer,
und durch die Stille braust das Meer
eintönig um die Stadt. Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
kein Vogel ohne Unterlass;
die Wandergans mit hartem Schrei
nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
am Strande weht das Gras. Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
du graue Stadt am Meer;
der Jugend Zauber für und für
ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
du graue Stadt am Meer.

Meeresstrand (Theodor Storm, 1817-1888)

Ans Haff nun fliegt die Möwe,
Und Dämmerung bricht herein;
Über die feuchten Watten
Spiegelt der Abendschein Graues Geflügel huschet
Neben dem Wasser her;
Wie Träume liegen die Inseln
Im Nebel auf dem Meer. Ich höre des gärenden Schlammes
Geheimnisvollen Ton,
Einsames Vogelrufen -
So war es immer schon. Noch einmal schauert leise
Und schweigt dann der Wind;
Vernehmlich werden die Stimmen,
Die über der Tiefe sind.

Park Monceau (Kurt Tucholsky, 1890-1935)

Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch - und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.

Ein dicker Kullerball liegt auf dem Rasen.
Ein Vogel zupft an einem hellen Blatt.
Ein kleiner Junge gräbt sich in der Nasen
und freut sich, wenn er was gefunden hat.

Es prüfen vier Amerikanerinnen,
ob Cook auch recht hat und hier Bäume stehn.
Paris von außen und Paris von innen:
sie sehen nichts und müssen alles sehn.

Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen.
Die Sonne scheint und glitzert auf ein Haus.
Ich sitze still und lasse mich bescheinen
und ruh von meinem Vaterlande aus.

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