Nachdenkliche Gedichte

Friedrich von Schiller (1759-1805)

Dreifach ist der Schritt der Zeit:
Zögernd kommt die Zukunft hergezogen,
Pfeilschnell ist das Jetzt entflogen,
Ewig still steht die Vergangenheit.

Keine Ungeduld beflügelt
Ihren Schritt, wenn sie verweilt.
Keine Furcht, kein Zweifeln zügelt
Ihren Lauf, wenn sie enteilt.
Keine Reu, kein Zaubersegen
Kann die Stehende bewegen.

Möchtest du beglückt und weise
Endigen des Lebens Reise,
Nimm die Zögernde zum Rat,
Nicht zum Werkzeug deiner Tat.
Wähle nicht die Fliehende zum Freund,
Nicht die Bleibende zum Feind.


Gedanken über der Zeit

Paul Fleming (1609-1640)

Ihr lebet in der Zeit und kennt doch keine Zeit;
so wisst, ihr Menschen, nicht von und in was ihr seid.
Dies wisst ihr, dass ihr seid in einer Zeit geboren
und dass ihr werdet auch in einer Zeit verloren.
Was aber war die Zeit, die euch in sich gebracht?
Und was wird diese sein, die euch zu nichts mehr macht?
Die Zeit ist was und nichts, der Mensch in gleichem Falle,
doch was dasselbe was und nichts sei, zweifeln alle.
Die Zeit, die stirbt in sich und zeugt sich auch aus sich.
Dies kömmt aus mir und dir, von dem du bist und ich.
Der Mensch ist in der Zeit; sie ist in ihm ingleichen,
doch aber muss der Mensch, wenn sie noch bleibet, weichen.
Die Zeit ist, was ihr seid, und ihr seid, was die Zeit,
nur dass ihr wenger noch, als was die Zeit ist, seid.
Ach dass doch jene Zeit, die ohne Zeit ist, käme
und uns aus dieser Zeit in ihre Zeiten nähme,
und aus uns selbsten uns, dass wir gleich könnten sein,
wie der itzt jener Zeit, die keine Zeit geht ein!

Kritik der Weltschöpfung (Maximilian Bern 1849-1923)

Wenn ich der liebe Herrgott wär',
dann würde ich mich schämen
und diese Welt verbessert neu
zu schaffen mich bequemen. Denn wahrlich, recht misslungen scheint
sie mir in manchem Teile,
was mich durchaus nicht wundernimmt,
denk' ich der großen Eile, in der Gott dies, sein Erstlingswerk,
vollbracht in nur sechs Tagen,
anstatt mit seiner Schöpfung sich
noch manches Jahr zu plagen. — Das Welterschaffen ist wohl schwer!
Drum, wenn ich's recht betrachte,
muss ich gesteh'n, dass einzelnes
Gott nicht so übel machte. Zu früh nur fand er alles gut
mit selbstgefäll'ger Miene.
Nicht leugnen lässt sich sein Talent,
ihm fehlte bloß Routine.

Spleen (Dranmor 1823-1888)

Die Welt ist groß - ich weiß es zur Genüge,
Ich habe sie durchschritten und durchschwommen;
Die Welt ist klein - ich bin zurückgekommen
Und lache meiner Argonautenzüge.
Vergebens griff ich nach dem goldnen Vließ,
Mir hat bis jetzt kein Lorbeer grünen wollen,
Und kindisch schien es mir zu grollen,
Als auch die Liebe mich verließ.
Langweilig aber fand ich's überall
Trotz heitrer Frauen, schäumender Pokale,
Und fragen darf ich ohne Wörterschwall:
Wo waren meines Herzens Ideale?
Mir ging es, wie es stets zu gehen pflegt,
Wenn Edles, Wahres sich in mir geregt,
Dann haben meine werten Zeitgenossen
Mir gleich aufs Herz geschossen;
Stets ward, was Ehrenhaftes mir passiert,
Von meinen Gönnern vornehm ignoriert,
Und wenn mich Ehrgeiz, Thatendurst gepeinigt,
Dann haben gute Freunde mich gesteinigt.
O große Welt voll kleiner Leidenschaften,
O kleine Welt voll großer Eitelkeit,
Mit welchem Aerger sah ich weit und breit
Den gleichen Staub an unsern Sohlen haften!  
Den Neid, den Wankelmut, die Heuchelei,
Den Eigendünkel, der, auf nichts begründet,
Bei jedem Druck phosphorisch sich entzündet,
Den Götzendienst, die Kriecherei.
Das Schicksal gab mir stete Fingerzeige:
Die Menschheit ist nicht schlecht - nur schwach und feige;
Es brüstet sich und stößt vergnügt ins Horn,
Wer sich gesichert glaubt auf grünem Zweige,
Und doch - zur Trauer ward zuletzt mein Zorn,
Denn leider bin auch ich vom gleichen Teige,
Weiß selbst nicht, was ich möchte oder kann;
Verfehlter Zweck, verkümmerter Genuß,
Das war der Anfang, Schwäche, Ueberdruß
Wird wohl das Ende sein, - doch wann?
Noch war ich niemals recht in meinem Gleise;
Ein jeder denkt und fühlt nach seiner Weise,
Und manchem, dem gleich mir die Arme sanken,
Hat Selbstbedauern alle Schuld verziehn.
Ich möchte meinen Gedanken,
Nüchternen, bösen Gedanken,
Ewig, ewig entfliehn.

Der Denker (J. W. von Goethe 1749-1832)

gedanken wälzen hin und her und her und hin und hin und her und her und hin und hin und her und her und hin wie gut wie gut dass ich kein denker bin.

O grüner Baum des Lebens (J. W. von Goethe 1749-1832)

O grüner Baum des Lebens,
In meiner Brust versteckt,
Lass mich nicht flehn vergebens!
Ich habe dich entdeckt.

O zeige mir die Wege
Durch diesen tiefen Schnee,
Wenn ich den Fuß bewege,
So gleit ich von der Höh.

Ich bliebe dir gern eigen,
Ich gab mich selber auf,
- Willst du den Weg mir zeigen,
Soll enden hier mein Lauf?

Mein Denken ist verschwunden,
Es schlief das Haupt mir ein,
Es ist mein Herz entbunden
Von der Erkenntnis Schein.

Ich werd in Strahlen schwimmen,
Aus dieses Leibes Nacht,
Wohin kein Mensch kann klimmen,
Mit des Gedankens Macht.

Es ward mein Sinn erheitert,
Die Welt mir aufgetan,
Der Geist in Gott erweitert,
Unendlich ist die Bahn!

Der Asra (Heinrich Heine 1797-1856)

Täglich ging die wunderschöne
Sultanstochter auf und nieder
Um die Abendzeit am Springbrunn,
Wo die weissen Wasser plätschern.
 
Täglich stand der junge Sklave
Um die Abendzeit am Springbrunn,
Wo die weissen Wasser plätschern;
Täglich ward er bleich und bleicher.
 
Eines Abends trat die Fürstin
Auf ihn zu mit raschen Worten:
Deinen Namen will ich wissen,
Deine Heimat, deine Sippschaft!
 
Und der Sklave sprach: Ich heisse
Mohamet, ich bin aus Yemmen,
Und mein Stamm sind jene Asra,
Welche sterben, wenn sie lieben.

Die Welt (Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau 1616-1679)

Was ist die Welt und ihr berühmtes Glänzen?
Was ist die Welt und ihre ganze Pracht?
Ein schnöder Schein in kurzgefassten Grenzen,
Ein schneller Blitz bei schwarzgewölkter Nacht, Ein buntes Feld, da Kummerdisteln grünen,
Ein schön Spital, so voller Krankheit steckt,
Ein Sklavenhaus, da alle Menschen dienen,
Ein faules Grab, so Alabaster deckt. Das ist der Grund, darauf wir Menschen bauen
Und was das Fleisch für einen Abgott hält.
Komm, Seele, komm und lerne weiter schauen,
Als sich erstreckt der Zirkel dieser Welt! Streich ab von dir derselben kurzes Prangen,
Halt ihre Lust für eine schwere Last:
So wirst du leicht in diesen Port gelangen,
Da Ewigkeit und Schönheit sich umfasst.

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen (Rainer Maria Rilke 1875-1926) Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge zieh´n.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn. Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise Jahrtausende lang;
und ich weiß noch nicht:
bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang.

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