Angehörige von Krebskranken brauchen Entlastung

Bei Krebs ist der Blick meist auf die Krankheit und den Patienten gerichtet. Doch wie geht es den Angehörigen? Was brauchen sie, um gute Begleiter zu sein – und wie sorgen sie selbst gut für sich?

Plötzlich ist so vieles anders. Der Schock über die Krebsdiagnose eines nahen Menschen, die eigenen Ängste und Sorgen. Wie geht es weiter? Was kommt auf uns zu? Schaffe ich das? Doch bald ist die zentrale Frage: Wie kann ich dem Kranken am besten den Rücken stärken?

Angehörige sind sehr wichtig beim Heilungsprozess. Sie entlasten den Kranken, sind enge Gesprächspartner, geben Halt. „Sie sind Begleiter, doch jeder Erkrankte geht seinen eigenen Weg", sagt Renate Christensen, beratende Ärztin der Gesellschaft für Biologische Krebsabwehr (GfBK). Das könne zu Konflikten führen, etwa wenn an Krebs Erkrankte anders entscheiden als ihre Angehörigen es getan hätten. Doch Drängen, Vorwürfe wie „Wieso hast Du nicht..." oder Enttäuschung, „das alles nimmt der Entscheidung die Kraft", so Renate Christensen.

Kranke sind eigenständige Menschen

Genau und konkret zu fragen, empfiehlt die ärztliche Beraterin im Umgang miteinander. Was brauchst Du? Wie kann ich Dir helfen? Dazu gehöre auch zu akzeptieren, wenn der Kranke allein sein möchte und ihm seine Hoffnung zu lassen, selbst wenn man kaum noch Hoffnung auf Heilung habe. 

Patienten nur als hilflose Menschen zu sehen, werde ihnen nicht gerecht. Trotz Krebs sind sie eigenständige Menschen. Das heißt, ihnen nicht alles abzunehmen, sondern für sich selbst sorgen lassen. Das heißt auch, sie weiterhin in alle Entscheidungen der Familie einzubinden und auch gemeinsam auch Spaß und Freude zu erleben. Sonst stehen der Krebs und das Kranksein ständig im Mittelpunkt.

Für das eigene Wohlergehen sorgen

Angehörige stehen vor der Gefahr sich selbst zu überfordern. „Erschöpfte und ausgebrannte Partner oder pflegende Kinder helfen sich und den Krebskranken nicht", sagt Renate Christensen. „Sie brauchen einen eigenen gesunden Egoismus." Es sei wichtig, sich zu entspannen, sich etwas zu gönnen, etwa ins Kino gehen, sich mit Freunden treffen. Oder selbst eine Kur zu machen, um wieder aufzutanken. „Damit sorgt man für sich und gleichzeitig für den Erkrankten", so Christensen.

Im Umgang mit der Krankheit kommen Angehörige an eigene Grenzen. „Miterleben zu müssen, wie eine nahe Person schwer krank ist, leidet oder deren Leben bedroht ist, ist eines der erschütterndsten Erlebnisse im Leben", sagt Dr. med. György Irmey, Ärztlicher Direktor der Gesellschaft für Biologische Krebsabwehr (GfBK). Die GfBK empfiehlt deshalb Angehörigen von Krebskranken, sich selbst professionelle Unterstützung zu holen bei Psychotherapeuten, Seelsorgern, Beratungsstellen und sich in Angehörigengruppen auszutauschen.

Wechselbäder der Gefühle

Angst, Wut, Selbstmitleid, Resignation, dann wieder Hoffnung und Mut. Patienten durchleben starke ganz widersprüchliche Gefühle – und Angehörige leben sie mit. Bei einer schweren Erkrankung wie Krebs gibt es keine „guten" oder „schlechten", „angemessenen" oder „unangemessenen" Gefühle. Krebskranke und Angehörige sollten von Anfang an authentisch und ehrlich miteinander umgehen.

Viele Angehörige behalten ihre Gefühle für sich. „Es ist für alle eine Qual, wenn viel Energie darauf verwendet wird, seinen wahren Zustand vor dem Partner zu verschleiern", sagt Renate Christensen. Sie empfiehlt Angehörigen, dem Kranken die eigenen Gefühle zumuten und andererseits Vorwürfe wie „Du bist ja gesund" und Gefühlsausbrüche nicht persönlich zu nehmen und gekränkt zu sein. „Das Gefühlschaos ist Ausdruck der seelischen Überlastung der Kranken."

Die wichtigen Dinge ansprechen

Wie stellst Du Dir das Sterben vor? Über den Tod zu reden, die Beerdigung oder auch über das Testament oder die Patientenverfügung, fällt oft schwer. Manchmal wolle jeder den anderen schonen. „Verdrängen kostet viel Kraft", so die Erfahrung von Renate Christensen aus Angehörigengruppen. Vertrauensvoll und ehrlich über die wichtigen Dinge zu sprechen, erfordere Fingerspitzengefühl und Mut. Doch es lohne sich, gerade wenn es um den Abschied geht. „Wenn Angehörige und Krebskranke vorher über die letzte Zeit zusammen gesprochen haben und sie gemeinsam gestalten, erleichtert das enorm."

03.12.2012, HS-GFBK