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Sie hieß Gesine...

von:

02.09.2007 - 13:45 Uhr

Beiträge: 6

Hi, Marianne,
Zu Deinen Fragen: Mit 9 J. schrieb ich meine ersten Gedichte- oder was man so dafür hält. Inzwischen bin ich 3000 Wochen älter und hab immer noch Freude daran.
Beruf? Nein. Aber durch meinen früheren Beruf(Theol./psychol.)hab ich die Menschen in allen Nuancen kennengelernt, versuche jetzt mit und über Menschen zu schreiben, weil es nichts Schöneres gibt.
Das ist dann auch hauptsächlich meine Thematik: Menschen und Fantasien, Träume, Wünsche, Bewusstes und Unbewusstes! Eine unerschöpfliche Quelle...
Ich mag keine Gemeinplätze, Weisheiten und Aussprüche berühmter Menschen, weil diese Weisheiten jeweils immer nach persönlichem Empfinden ausgelegt werden.
Am ehesten würde ich einen Ausspruch von Grillparzer, aus "Selbstbekenntnis" für mich in Anspruch nehmen:
Du nennst mich Dichter?
Ich verdien es nicht. Ein andrer sitzt,
ich fühls's und schreibt mein Leben,
und soll die Poesie den Namen geben:
Statt Dichter fühl ich höchstens mich
Gedicht!



So ist's.
Liebe Grüße,
Poetikon~

von: marianne

02.09.2007 - 10:56 Uhr

Beiträge: 36

Hallo Poetikon,

vielen Dank für das Angebot und die Hinweise. Ich werde bestimmt darauf zurückkommen.

Hast du das Schreiben zu deinem Beruf gemacht? Gibt es bestimmte Genres oder Themen in denen du dich aufhälst oder schreibst du einfach auf, was dich gerade bewegt?

Gruß,
Marianne

von:

01.09.2007 - 15:31 Uhr

Beiträge: 6

Hallo Marianne, :idea:
schreib doch erst mal für Dich selbst! Ohne an irgendwelche Leser zu denken.
Sammle Dich. Konzentriere Dich auf Deine Gedanken, schreib sie nieder.
Lass alles liegen!
Lies es morgen noch einmal.
Korrigiere alles, achte auf Synonyme. Lass es wieder liegen.
Korrigiere wieder. usw.usw.

Der größte Feind des stilistischen Schreibens ist die eigene Ungeduld!!!
Ich selber habe oft 2-3 Texte in Arbeit, so bleibt jeweils immer genug Zeit, um die einzelnen Themen ruhen zu lassen. Damit bin ich immer gut gefahren. :!:

Kommt immer auf den Versuch an. Ich bin auch gern bereit, Dich bei der Aufbereitung zu unterstützen...
Einen schönen Sonntag wünscht
Poetikon~

von: marianne

01.09.2007 - 13:24 Uhr

Beiträge: 36

Hallo Poetikon,

eine sehr schöne Geschichte. Ich würde auch gern so schreiben können. Vielleicht sollte ich einfach nur mal anfangen und ein bisschen üben.

Gruß,
Marianne

von:

31.08.2007 - 18:51 Uhr

Beiträge: 6

Sie hieß Gesine!

Der Sturm tobte um das einsame Haus auf der Anhöhe, zerrte am festen Reetdach, versuchte die festgezurrten Fensterläden auszuhebeln. Die Kletterrosen an der Hauswand beugten sich der Gewalt des Sturmes und wiegten sich im Gleichklang mit der Macht des Windes. Sie kannten von altersher das Geheimnis, sich anzupassen, zu beugen und dennoch die eigene Natur nicht zu verleugnen.

Ich stand vor dieser wunderschönen alten Haustür, verblasste faszinierende Farben in Blautönen mit Weiß abgesetzt, vier kleine Scheiben gaben dieser Tür ein romantisches Aussehen.

Schon mehrere Male hatte ich an diese Tür geklopft, vergeblich. Ich wollte doch nur eine Wegauskunft, um doch noch vor dem nahenden Abend in den Ort zurückzukommen.

Ich hatte mich wirklich regelrecht verirrt, indem ich versuchte, auf Nebenwegen mein Ziel zu erreichen, war ich in einer völlig fremden Umgebung gelandet. Der plötzlich aufkommende Sturm war da nicht gerade hilfreich bei meinen Bemühungen, meine Pension wiederzufinden.
Gerade wollte ich mich abwenden, um weiter zu suchen, da hörte ich von drinnen ein Geräusch. Die Tür öffnete sich einen Spalt. Ich sah im Halbdunkel des Hausflurs in zwei Augen, die mich erstaunt anblickten. Es waren Augen, wie ich sie vorher nie gesehen hatte, ausdrucksvolle Augen, die das Leben kannten und die doch voller kindhafter Neugier in die Welt schauten. Ich konnte meine Blicke nicht von ihnen abwenden, so faszinierten sie mich.

Nach einigen langen Momenten dann die Stimme einer jungen Frau.
“Ja? Kann ich etwas für sie tun?”
Eine eindrucksvolle angenehme Stimme, klar und melodisch. Da die Tür noch bis auf den kleinen Spalt geschlossen blieb, wusste ich immer noch nicht, mit wem ich es zu tun hatte. Allein die Augen und diese Stimme bezauberten mich so sehr, dass ich zunächst gar nicht antworten konnte.
“Wollen Sie mir nicht sagen, was Sie möchten?” Die Stimme klang nun etwas ungeduldig.

“Verzeihen Sie die Störung!” Ich hatte endlich meine Sprache wiedergefunden.
“Ich möchte nach Overdieck, hab mich da glatt verlaufen. Zeigen Sie mir den Weg?”

“Nach Overdieck? Das ist aber ziemlich weit weg. Zwei Stunden werden Sie da schon brauchen! Da sind Sie aber gewaltig vom Weg abgekommen!”
Sie öffnete die Tür, machte eine Handbewegung und meinte dann:” Kommen Sie erst mal rein. Sie sehen aus wie ein triefnasser Bernhardiner. Ich hab mir gerade einen Tee gemacht. Möchten Sie?”

Ich folgte ihrer Einladung, betrat den engen Hausflur. Sie nahm mir Jacke und Mütze ab und sagte dann: “Ziehen Sie Ihre nassen Schuhe aus. Dort stehen Pantoffel.”

Sie öffnete eine niedrige Tür und ich stand in der Wohnstube des alten Fischerhauses. Es war genau so, wie ich mir solch ein Haus immer vorgestellt hatte. Eine wunderschöne , altersgebräunte Balkendecke konkurrierte mit der romantischen Einrichtung und den Butzenscheiben der Fenster, das Jugendstil-Mobiliar hatte anscheinend noch das letzte Jahrhundert gesehen Ein hübscher Blumenstrauss auf dem Eichentisch machte alles richtig behaglich.
“Sie, - Sie sind sicher mehr Komfort gewöhnt”, meinte sie dann, “nun ja, hier ist alles noch so, wie meine Eltern es verlassen haben. Und deshalb komme ich jedes Jahr einmal wieder hierher. Ich liebe dieses alte Haus und auch die Abgeschiedenheit.”
“Übrigens”, sagte sie dann, “ich heiße Gesine!”
Auch ich stellte mich nun vor und so waren wir bald in ein außergewöhnlich gutes Gespräch vertieft.

Wir redeten nun lange über das Leben hier an der Küste, die alte Zeit, über Gott und die Welt. Sie hatte inzwischen den Tee in einer alten Teekanne serviert, in den flachen Tassen schimmerte goldbraun der Tee, ein winziges Gebirge von Kandis ragte aus dem Sahnewölkchen hervor. Es war eine Köstlichkeit, wie ich sie lange nicht genossen hatte.
“Der Tee schmeckt hier so gut, weil er nur mit Regenwasser zubereitet wird”, sagte sie dann, als ich das Getränk lobte. “Ich kenne das gar nicht anders. Ich trinke den Tee niemals auf andere Art.”

Draußen war es inzwischen ruhiger geworden. Der Sturm hatte nachgelassen und zerrte nicht mehr an den Fensterläden. Die Dämmerung schlich leise um das Haus, und ich fühlte, dass es Zeit war aufzubrechen, wenn ich noch vor dem Abend in meiner Pension eintreffen wollte.
Sie begleitete mich noch zur Tür, nachdem ich meine inzwischen trockenen Sachen angezogen hatte. Als ich mich dann verabschiedete, fragte ich, ob ich sie vielleicht wiedersehen würde.

“Ich glaube nicht!” Sie sagte es mit einer leichten Traurigkeit, die mich stutzig machte.
“Schön, dass Sie da waren”, sagte sie dann, “es war eine herrliche Stunde. Behalten Sie sie im Gedächtnis, ja? Ich werde es auch tun.”

Dann reichte sie mir ihre kühle Hand zum Abschied, ein langer Blick noch aus ihren wunderschönen Augen und ich war wieder auf dem Weg, den sie mir zuvor noch beschrieben hatte.

Spät am Abend kam ich in meiner Pension an. Als ich danach im Speisezimmer am Abendbrottisch saß, überdachte ich noch einmal das Geschehene des Nachmittags.
Die Wirtin fragte mich beiläufig, wo ich denn heute bei dem Sturm gewandert wäre. Als ich ihr dies erklärte, stutzte sie. Erstaunt fragte sie erneut nach und geduldig erklärte ich nochmals meine Wanderung und den Aufenthalt in diesem Fischerhaus.

“Das kann nicht sein! Das ist unmöglich!” Ihre Worte klangen mit einer Bestimmtheit, die keinerlei Widerspruch duldete.
“Dort stehen nur die Überreste eines alten Fischerhauses, das schon vor über hundert Jahren zusammengefallen ist. Da gibt es niemanden mehr, wie sollte das auch sein?”
Die Wirtin schüttelte ihren Kopf.
“Die letzte Bewohnerin war die Tochter der alten Fischersleute. Sie nahm sich einige Jahre nach dem Tod der alten Menschen das Leben!”
Ich sah sie ungläubig und betroffen an. Dann meinte sie noch beiläufig: “Sie hieß Gesine!”

©2007 by Poetikon

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