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Über das Lesen

von: mannhay

14.06.2007 - 18:58 Uhr

Beiträge: 6

Hallo Heribert,
diese Worte sprechen mir aus dem Herzen. Auch für mich gibt es kaum eine Situation in der ich nicht lesen könnte. Ein Tag ohne Lesestoff ist für mich unvorstellbar. Dabei ist die Lektüre natürlich stimmungsabhängig und auch das körperliche Gewicht des Buches :)
Bücher sind für mich ebenso Nahrung wie das tägliche Brot.
In diesem Sinne: Kennst du schon meinen Roman? :wink:
Liebe Grüße
Angelika

von: heribert

30.04.2007 - 14:04 Uhr

Beiträge: 6

Hallo zusammen,

dieses Kapitel über das Lesen finde ich einfach schön:

Auszüge aus Tucholskys "Wo lesen wir unsere Bücher?"

Wo -?
Im Fahren.

Denn in dieser Position, sitzend-bewegt, will der Mensch sich verzaubern lassen, besonders wenn er die Umgebung so genau kennt wie der Fahrgast der Linie 57 morgens um halb neun. Da liest er die Zeitung. Wenn er aber zurückfährt, dann liest er ein Buch. Das hat er in der Mappe. (Enten werden mit Schwimm- häuten geboren - manche Völkerschaften mit Mappe.) Liest der Mensch in der Untergrundbahn? Ja. Was? Bücher. Kann er dort dicke und schwere Bücher lesen? Manche können es. Wie schwere Bücher? So schwer, wie sie sie tragen können. Es geht mitunter sehr philosophisch in den Bahnen zu. Im Autobus nicht so - der ist mehr für die leichtere Lektüre eingerichtet. Manche Menschen lesen auch auf der Straße ... wie die Tiere.

Die Bücher, die der Mensch nicht im Fahren liest, liest er im Bett .... Sehr ungesund. Doch - sehr ungesund, weil der schiefe Winkel, in dem die Augen auf das Buch fallen ... fragen Sie Ihren Augenarzt. Fragen Sie ihn lieber nicht; er wird Ihnen die abendliche Lektüre verbieten, und Sie werden nicht davon lassen - sehr ungesund. Im Bett soll man nur leichte und unterhaltende Lektüre zu sich nehmen sowie spannende und beruhigende, ferner ganz schwere, wissenschaftliche und frivole sowie mittelschwere und jede sonstige, andere Arten aber nicht.

Dann lesen die Leute ihre Bücher nach dem Sonntagessen - man kann in etwa zwei bis zweieinhalb Stunden bequem vierhundert Seiten verschlafen.

Manche Menschen lesen Bücher in einem Boot oder auf ihrem eigenen Bauch, auf einer grünen Wiese. Besonders um diese Jahreszeit.

Manche Menschen lesen, wenn sie Knaben sind, ihre Bücher unter der Schulbank.

Manche Menschen lesen überhaupt keine Bücher, sondern kritisieren sie.

Manche Menschen lesen die Bücher am Strand, davon kommen die Bücher in die Hoffnung. Nach etwa ein bis zwei Wochen schwellen sie ganz dick an - nun werden sie wohl ein Broschürchen gebären, denkt man - aber es ist nichts damit, es ist nur der Sand, mit dem sie sich vollgesogen haben. Das raschelt so schön, wenn man umblättert ...

Manche Menschen lesen ihre Bücher in ... also das muss nun einmal ernsthaft besprochen werden.

Ich bin ja dagegen. Aber ich weiß, dass viele Männer es tun. Sie rauchen dabei und lesen. Das ist nicht gut. Hört auf einen alten Mann - es ist nicht gut. Erstens, weil es nicht gut ist, und dann auch nicht hygienisch, und es ist auch wider die Würde des Dichters, der das Buch geschrieben hat und überhaupt. Gewiss, kann man sich Bücher vorstellen, die man nur dort lesen sollte, 'Völkische Beobachter' und dergleichen. Denn sie sind hinterher unbrauchbar: so nass werden sie. Man soll in der Badewanne eben keine Bücher lesen. (Aufatmen des gebildeten Publikums.)

Merke: Es gibt nur sehr wenige Situationen jedes menschlichen Lebens, in denen man keine Bücher lesen kann, könnte, sollte ... Wo aber werden diese Bücher hergestellt? Das ist ein anderes Kapitel.

(verlegt vom Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg)

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