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Honigbrot - Leseprobe...

geschrieben von Schreiberin am: 02.06.2017 - 13:25 Uhr

Mittendrin

Rita beschleunigt ihre Gangart denn da oben braut sich was zusammen. Es wird stockduster, ein Unwetter zieht auf. Sie ist verabredet, die Zeit drängt, außerdem will sie der drohenden Naturgewalt entkommen. Ungeachtet dessen schickt der Himmel seine Vorboten, präsentiert sich, als wolle er schlagartig explodieren. Er begnügt sich allerdings mit einem Platzregen. Kurz aber heftig zeigt er seine starke Seite, um blitzschnell die Luft von Schadstoffen zu befreien. Am Ende hinterlässt er eine ungemütliche Feuchtigkeit.
Fröstelnd mit hochgezogenen Schultern überquert Rita den trostlos aussehenden Rathausplatz in Richtung Altstadtgasse. Gleich ist Stammtischtreffen.
Eine von ihnen, Bella, gab vor ewigen Zeiten ein Inserat auf, «Frau sucht Frauen für gesprächige Stunden am runden Tisch». Viele kamen, einige gingen, andere blieben sitzen, hatten sich an jenem Abend gesucht und gefunden.
Rita hat es gleich geschafft. Es sind noch ein paar Schritte, dann wird sie mit den wohlvertrauten Frauen am runden Tisch sitzen. Wie immer werden ihre Themen hinsichtlich Tagesgeschehen, Berufsleben wie auch Politik ins grenzenlose überwechseln. Gleichwohl darf die unergründliche Liebe mit aller Bitterkeit und Süße nicht zu kurz kommen.
Klar ertönen die Glockenschläge vom Rathausturm, verhallen auf den nahezu menschenleeren Vorplatz. In der Altstadtgasse werfen die nostalgischen Straßenlaternen gelbliches Licht auf das nasse Kopfsteinpflaster, weisen den Weg zur urigen Pinte im Fachwerkhaus. Insider mögen die Kneipe OTTO, ebenso Ottos Eigenart. Unter anderem wurde Usus, dass er zur Mitternachtsstunde die bronzefarbene Tischglocke schwingt, um energisch die letzte Runde einzuläuten. Außer dienstags, dienstags ist Ruhetag.
Rita verschnauft kurz, bevor sie die schwere Kneipentür aufzieht. Gemütliche Wirtshausatmosphäre empfängt sie, Lachen Gemurmel, unüberhörbar das Zurechtrücken von Stühlen, ebenso der übliche Klang vom Tresen. Die Geräuschkulisse schwirrt durch die Luft erreicht sie geballt, entweicht durch die geöffnete Tür. Alte und Junge sitzen zusammen am Tisch. Zumeist sind es Stammgäste, hier und da ein paar zufällige Besucher. Jeder hat jedem irgendetwas zu erzählen.
Mittlerweile ist im beschaulichen Stadtkern Feierabend. Manni hat ebenfalls Schluss gemacht, geht zielsicher durch die Seitengasse, wartet wie üblich gegenüber der Kneipe. Bis eben stand er in der Fußgängerzone, hielt für jedermann sichtbar das aktuelle Exemplar «draußen!» in der Hand. So mancher Passant nahm eins, rundete auf, gab ihm zwei Euro dafür. Andere hatten schon darin gelesen, begrüßten ihn per Handschlag, hielten einen Small Talk. Wieder andere verzichteten aufs Lesen, drückten im spontan eine Spende in die Hand. Manni ist einer von vielen Langzeitarbeitslosen. Der heutige Verdienst ist sein Zubrot im schmalen Alltag. Otto sieht ihn, klopft an die Fensterscheibe, winkt herein. Manni legt drinnen die übrig gebliebenen Straßenmagazine zu den bunt bedruckten Werbeflyern aufs Tischchen. Oben drüber hängt die Schiefertafel, worauf in weißer Kreide das aktuelle Tagesgericht geschrieben steht. Otto begrüßt ihn per Handschlag, spendiert ihm jeweils am Freitag eine Cola und das Tellergericht nach Art des Hauses. Bevor Manni den Abend beendet, lässt er das letzte Straßenmagazin auf dem Tischchen liegen, die Euros obenauf steckt er in seine Tasche.
Otto ist ein Guter, einer vom alten Schlag, wie man so sagt...

Viel Spaß beim Weiterlesen,

http://www.anne-spengler.de

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